Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat laut der UBS die Unsicherheit in der Wirtschaft erhöht. Gemäss einer Umfrage der Grossbank erwarten mehr als die Hälfte der Unternehmen, dass sie bei Einführung einer Kontingentierung von ausländischen Arbeitskräften vermehrt Mühe haben werden, qualifiziertes Personal zu finden.

«Wir waren von diesem Ergebnis überrascht», sagte Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz, am Mittwoch vor den Medien in Zürich. Von den 385 befragten Unternehmen rechnen über 40 Prozent mit negativen Auswirkungen der Initiative bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Etwas mehr als 10 Prozent erwarten gar stark negative Konsequenzen. Dagegen gehen lediglich 3 Prozent der Firmen von positiven oder stark positiven Auswirkungen aus.

Ein Drittel der Firmen schiebt Investitionen auf

Fast ein Drittel der Unternehmen gab zudem an, aufgrund des Abstimmungsresultats geplante Investitionen in der Schweiz aufzuschieben. 38 Prozent rechnen mit einem Rückgang der Nachfrage aus der EU.

Die Auswirkungen des Abstimmungsresultats werden laut der UBS aber grösstenteils «erst in zwei bis drei Jahren» spürbar sein. Die Ökonomen der Bank sehen daher keinen Grund, ihre kurzfristige Konjunkturprognose anzupassen.

Für das laufende Jahr sind sie weiterhin optimistisch und rechnen mit einem Zuwachs des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,1 Prozent. Das wäre etwas mehr als im vergangenen Jahr (2,0 Prozent). Für 2015 erwarten sie eine weitere Beschleunigung auf 2,4 Prozent Wachstum.

Ausländische Arbeitskräfte essenziell für Wachstum

Klar ist für die UBS-Ökonomen: Die ausländischen Arbeitskräfte sind für die Schweizer Wirtschaft essenziell. «Etwa die Hälfte des Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren ist auf die starke Immigration zurückzuführen», sagte Daniel Kalt.
Nötig sei die Zuwanderung insbesondere deshalb, weil der Schweiz aufgrund der demografischen Entwicklung immer mehr Arbeitskräfte verloren gingen. «Wir steuern langsam auf einen Arbeitskräftemangel zu», warnte UBS-Schweiz-Chef Lukas Gähwiler.

Laut UBS gehen in den nächsten zehn Jahren eine Million Arbeitstätige in Pension, während nur etwa 500'000 Junge neu in den Arbeitsmarkt eintreten.

Wie viel die Zuwanderung in naher Zukunft beitragen kann, um diese Lücke zu schliessen, ist laut UBS im Moment noch schwer abzuschätzen. Die Bank hat dazu mehrere Szenarien entworfen. Der «Worst Case» aus ihrer Sicht wäre, wenn keine Lösung mit der EU gefunden werden kann und aufgrund der Guillotine-Klausel eine Kündigung der bilateralen Abkommen droht.

Neue Volksabstimmung denkbar

In diesem Fall wäre auch eine neue Volksabstimmung möglich. «Viele Leute waren sich bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative nicht bewusst, was die Auswirkungen sind», sagte Lukas Gähwiler. «Wenn sie das Preisschild sehen, könnte es sein, dass der Entscheid anders herauskommt.»

Denkbar ist auch, dass es die Kontingente gar nicht braucht. Dieser Fall könnte eintreten, wenn sich die Schweizer Konjunktur in den nächsten Jahren abkühlen würde. Dadurch würde die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften sinken.

Unabhängig von der Umsetzung der Initiative schlagen die Experten der UBS vor, das Potenzial im Inland besser zu nutzen, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Im Blick haben sie dabei insbesondere die Frauen.

Zu viele Frauen in Teilzeit

Im internationalen Vergleich sei die Erwerbsquote der weiblichen Bevölkerung hierzulande zwar relativ hoch, erklärte Gähwiler. «Viele Frauen arbeiten allerdings nur Teilzeit.» Betrachte man den Anteil der Frauen, die Vollzeit arbeiteten, stehe die Schweiz wesentlich schlechter da als beispielsweise manche skandinavische Länder.

Weiter schlägt die Bank vor, ältere Arbeitnehmer länger im Arbeitsmarkt zu belassen, etwa durch eine Flexibilisierung des Rentenalters. Mit seiner geplanten Rentenreform schlage Bundesrat Alain Berset zwar einige «ganz kleine Schritte» vor, sagte Daniel Kalt. «Ich glaube aber, man müsste viel weitergehen.» Er könne sich auch vorstellen, dass die Schweiz das Rentenalter vollständig liberalisiert, wie das beispielsweise Schweden gemacht habe.

(sda/me/vst)

 

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