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Kundgebung
Fillon kämpft um sein politisches Überleben

 

Der angeschlagene Kandidat François Fillon ist in Paris vor Anhängern aufgetreten. Trotz dem Vorwurf der Vetternwirtschaft will er sich nicht zurückziehen. Doch immer mehr Konservative wenden sich ab.

Veröffentlicht am 05.03.2017

Mit einer Grosskundgebung hat der angeschlagene französische Präsidentschaftskandidat François Fillon am Sonntag in Paris um sein politisches Überleben gekämpft. Angesichts zahlreicher Rücktrittsforderungen aus dem eigenen Lager sprach der Konservative von «Fahnenflucht» und rief auf einer Grossveranstaltung in der Nähe des Eiffelturms dazu auf, sich hinter ihn zu stellen.

Die Veranstalter sprachen von 200'000 Teilnehmern, der Sender BFMTV meldete unter Berufung auf eine Polizeiquelle dagegen 35'000 bis 40'000 Menschen.

«Wir werden gewinnen»

Der Wahlkampf des früheren Premierministers wird seit Wochen vom Verdacht belastet, seiner Frau eine lukrative Scheinbeschäftigung auf Parlamentskosten beschafft zu haben. Fillon weist das zurück, die Justiz ermittelt.

Er appellierte am Sonntag in Paris an die Politiker seines Lagers: «Ich habe meine Gewissensprüfung gemacht. (...) Jetzt ist es an Ihnen, Ihre Gewissensprüfung zu machen.» Mehrfach wurde er von seinen Fahnen schwingenden Anhängern mit Rufen «Fillon Président» und «Wir werden gewinnen» unterbrochen.

Reformen für Frankreich

Der Präsidentschaftskandidat vermied in seiner Rede neue scharfe Angriffe auf die Justiz, die ihm viel Kritik eingebracht hatten. Er sagte, dass er die Hoffnung in die Justiz noch nicht aufgegeben habe. Stattdessen stellte er sein Programm in den Mittelpunkt und betonte die Notwendigkeit, Frankreich zu reformieren.

Auffällig war, dass Fillon seine frühere Ankündigung, «bis zum Ende zu gehen» und «nicht aufzugeben» am Sonntag nicht wiederholte. Er stelle sich auch Fragen über diejenigen, «die das Schiff verlassen», sagte der 63-Jährige: «Ihre Verantwortung ist immens, aber meine auch.»

Seine Unterstützer verweisen immer wieder darauf, dass Fillon bei einer Vorwahl mit 4,4 Millionen Teilnehmern legitimiert wurde. Am Abend wurde Fillon zu einem Interview in den 20-Uhr-Nachrichten des Senders France 2 erwartet.

Es droht ein Verfahren

Fillon räumte erneut ein, dass die Beschäftigung seiner Frau Penelope als parlamentarische Mitarbeiterin ein Fehler gewesen sei. «Ich hätte das nicht tun sollen.» Penelope Fillon war bei der Kundgebung ebenfalls anwesend. Sie hatte sich zuvor erstmals in einem Interview zu der Affäre geäussert und versichert, dass sie tatsächlich für ihren Mann gearbeitet habe.

Ende Januar war bekanntgeworden, dass Penelope Fillon jahrelang als parlamentarische Mitarbeiterin für ihren Mann und dessen Nachfolger in der Nationalversammlung angestellt war. Das ist an sich legal, die Zeitung «Le Canard Enchaîné» hatte aber die Frage aufgeworfen, ob die gebürtige Waliserin tatsächlich dafür gearbeitet habe.

Die Lage hatte sich für Fillon weiter zugespitzt, als er für Mitte März von Ermittlungsrichtern vorgeladen wurde. Dabei droht ihm die Eröffnung eines Verfahrens.

Partei berät sich am Montag

Wichtige Konservative erhöhten den Druck weiter: «Ich weigere mich, unsere Anhänger und Wähler in den kollektiven Suizid zu führen», sagte der konservative Regionalpräsident von Provence-Alpes-Côte d'Azur, Christian Estrosi, dem Sender BFMTV, und kündigte eine «Initiative» an, die Fillon einen «respektvollen» Abgang ermöglichen solle.

Ein Kandidatenwechsel sei angesichts der Scheinbeschäftigungsaffäre um Fillons Familie «zwingend», sagte Estrosi. An diesem Montag soll ein Führungstreffen der Partei über die Lage beraten.

Die Zeit drängt denn auch: Am 17. März läuft nämlich die Frist ab, bis zu der alle Präsidentschaftskandidaten formell bestätigt sein müssen. Die Franzosen wählen ihren neuen Staatschef in zwei Runden am 23. April und am 7. Mai.

Juppé in den Startlöchern

Der frühere Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Ex-Premierminister Alain Juppé hatten am Samstag über mögliche «Auswege aus der Krise» gesprochen, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Juppés Umfeld meldete.

Juppé, erfolgreicher Bürgermeister von Bordeaux, wird immer wieder als möglicher Ersatzkandidat gehandelt. Nach Zählung der linken Zeitung «Libération» sind inzwischen mehr als 250 Politiker der Republikaner und ihrer Verbündeten sowie Mitglieder des Wahlkampfteams von Fillon abgerückt. Selbst Fillons Kampagnen-Chef trat zurück.

Wähler wollen Fillon nicht mehr

Einer am Samstag veröffentlichten Umfrage zufolge sind mehr als 70 Prozent der Wähler für Fillons Rückzug. Im eigenen Lager sank die Zustimmung auf 53 Prozent von 70 Prozent vor zwei Wochen.

Derzeit würden nach Umfragen die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der parteilose sozial-liberale Kandidat Emmanuel Macron das Rennen unter sich ausmachen. Für die Stichwahl liegt Macron dabei klar vorn.

(sda/gku)

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