Für Nigel Farage ist die Sache klar. Der Vorsitzende der europaskeptischen Ukip-Partei hätte es am liebsten, wenn sein Land aus der EU austritt. Sein Wahlerfolg – Ukip holte bei den Europawahlen 27,5 Prozent der Stimmen – wird die Debatte um den Verbleib Grossbritanniens in der EU erneut entfachen.

Ein Austritt hätte dabei nicht nur schwerwiegende politische, sondern auch wirtschaftliche Folgen: Einer neuen Studie zufolge würde Grossbritannien vom «Brexit» (Kunstwort aus «Britain» und «Exit») noch härter getroffen als von der Finanzkrise im Jahr 2007.

«Der Ausstieg würde der britischen Wirtschaft beträchtliche Kosten aufbürden», sagt Joao Paulo Pessoa vom Centre for Economic Performance an der London School of Economics, einer der Verfasser der Studie «Brexit or Fixit?», die kürzlich in London vorgestellt wurde. «Es wäre ein sehr riskantes Spiel. Der Traum von der ‹splendid isolation› könnte sich als ein sehr teurer Traum herausstellen», sagt Pessoa.

Eine der längsten und schwersten Rezessionen

Die Wissenschafter rechneten die finanziellen Vor- und Nachteile eines EU-Austritts durch und kamen zu einem deutlichen Ergebnis: Zwar könnte Grossbritannien rund 0,5 Prozent des nationalen Einkommens, das derzeit an die EU geht, für sich behalten. Im vergangenen Jahr überwies Grossbritannien nach Schätzungen des Finanzministeriums rund 8,6 Milliarden Pfund nach Brüssel.

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Die Nachteile – weniger innereuropäischer Handel, höhere Steuern und Zölle – würden diese Einsparungen jedoch zunichtemachen, prognostiziert das Centre for Economic Performance.

Je nach Szenario fallen die wirtschaftlichen Verluste unterschiedlich gross aus. Sie liegen den Wissenschaftern zufolge zwischen 1,1 und 9,5 Prozent des BIP. «Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen: Während der Finanzkrise ging das britische BIP um rund sieben Prozent zurück», sagt Pessoa.

Die Finanzkrise hatte Grossbritannien in eine der längsten und schwersten Rezessionen aller Zeiten gestürzt. Erst seit dem vergangenen Jahr, also sechs Jahre nach Beginn der Finanzkrise, erholt sich die Wirtschaft spürbar.

Finanzindustrie wäre besonders beeinträchtigt

Besonders beeinträchtigt wäre die Finanzindustrie, die einen grossen Teil des britischen BIP ausmacht. Abweichende Regulierungen und Grenzkontrollen würden diese Industrie schwer treffen, sagt der Wissenschaftler: «Diese Grenzen sind besonders schwerwiegend im Servicesektor, in dem Grossbritannien vergleichsweise stark ist.»

Drei Viertel der Umsätze der europäischen Finanzindustrie, rund 58 Milliarden Pfund, werden in Grossbritannien oder in Geschäften mit UK-Bezug erwirtschaftet, zeigte jüngst eine Studie des Beratungshauses Oliver Wyman.

Ein weiterer Nachteil des Austritts wäre die Tatsache, dass das Vereinigte Königreich für den Handel mit europäischen Staaten noch immer einen Grossteil der EU-Regulierungen umsetzen muss, aber keinen Einfluss mehr auf ihre Gestaltung hat. «Grossbritannien nimmt nicht an den Schritten teil, die die EU zur Verringerung der Handelshindernisse unternimmt», sagt Pessoa.

Diesen Punkt sieht auch Chris Cummings, Chefrepräsentant der Interessengemeinschaft TheCityUK, die sich für einen Verbleib des Landes in der EU ausspricht. «Die Mitgliedschaft gibt Grossbritannien machtvolle Instrumente, um seine Interessen durchzusetzen, zum Beispiel Stimm- und Vetorechte.» Ohne die Mitgliedschaft in der EU fände sich das Land in einer ähnlichen Situation wie die Schweiz wieder.

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Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen

«Der Erfolg der britischen Finanzindustrie fusst zu grossen Teilen auf den Regeln des europäischen Binnenmarktes», sagt Malcolm Sweeting, Senior Partner bei Clifford Chance. «Dies aufzugeben würde grosse Risiken mit sich bringen.» Nur in der EU könne Grossbritannien erfolgreich auf Reformen drängen. 84 Prozent aller Führungskräfte in der britischen Finanzindustrie sprachen sich denn auch im vergangenen Jahr einer TheCityUK-Umfrage zufolge für den Verbleib in der Union aus.

Auch die ausländischen Direktinvestitionen werden voraussichtlich zurückgehen, sollte Grossbritannien die EU verlassen. «Ein Teil der Anziehung ist, dass Grossbritannien eine Export-Plattform für den Rest der Europäischen Union ist. Wenn Grossbritannien nicht mehr Teil der Union ist, ist diese Position gefährdet», sagt Wissenschaftler Pessoa.

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Gegenteilige Ergebnisse ebenfalls vorstellbar

Gegenteilige Ergebnisse sind ebenfalls vorstellbar. Je nachdem, welche Annahmen zugrunde gelegt werden, kann ein Ausstieg der Wirtschaft zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. So berechnete Iain Mansfield, ein britischer Diplomat, dass die Wirtschaft Grossbritanniens um bis zu 1,3 Milliarden Pfund wachsen könne, wenn das Land die EU verlassen würde.

Mansfield hatte sich für den Preis des besten «Brexit»-Plans beworben und eine Prämie von 100'000 Euro gewonnen. Grossbritannien würde seinem Entwurf zufolge mehr mit Schwellenländern und weniger mit EU-Ländern handeln und so finanziell besser dastehen.

Referendum im Jahr 2017?

«Es gibt eine ernst zu nehmende Zahl an Firmen, die glauben, dass sie ohne EU besser dastünden, weil sie weniger Vorschriften einhalten müssten», sagt Howard Archer, Chefökonom für Grossbritannien beim Informationsdienst IHS Global Insight. «Das mag falsch sein, ein grosser Teil der Unternehmen ist jedoch unglücklich mit der Zahl der Vorschriften aus Brüssel.»

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Er rechnet damit, dass sich die Briten im Falle eines Referendums für den Verbleib in der EU entscheiden – unter der Voraussetzung, dass das derzeitige wirtschaftliche Wachstum von rund drei Prozent anhält und das Land nicht in die Rezession zurückfällt.

«Dabei ist es aber nicht einmal sicher, ob es ein Referendum geben wird», sagt Archer, «nur die Konservativen haben sich bislang dazu verpflichtet.» Ob die Briten 2017 über die Mitgliedschaft in der EU abstimmen werden, hängt vom Ergebnis der Parlamentswahl im kommenden Mai ab – und der Frage, ob Nigel Farage und seine Ukip ins britische Unterhaus einziehen oder nicht.