Selten wurde eine Enthüllung so gross angekündigt. Und selten ist danach 
so viel passiert – allerdings ganz anders, als viele dachten. 

Nach der Offshore-Leaks-Affäre herrschte hierzulande zuerst mal ein entspanntes Zurücklehnen. Die konzertierte Publikation von über zwei Millionen geheimen Dokumenten aus Steueroasen ging am hiesigen Finanzplatz anfänglich ziemlich glimpflich vorbei. Von einem richtigen Skandal konnte keine Rede sein. 

Krasse Schwarzgeldsünden von unzähligen Prominenten suchte man beinahe vergebens. Stattdessen fachsimpelt man immer noch über leere Trusts des verstorbenen Playboys Gunter Sachs. Und ein paar Kantonalbanken müssen die eine oder andere unangenehme Frage beantworten. Viel mehr ist nicht passiert. Vor zehn oder mehr Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Damals gelangte etwa eine CD mit geheimen Kundendaten des Liechtensteiner Treuhänders Herbert Batliner in die Presse. Der frühere Haustreuhänder der UBS hatte so manchen prominenten Sünder in der Kartei.

So viel Lob macht Politiker 
übermütig

Prompt spenden jetzt selbst die härtesten Bankenkritiker Lob. Allen voran kommentiert der ehemalige deutsche Finanzminister Hans Eichel die Lage. Jahrelang geisselte er die Eidgenossen als skrupellose Helfer der Schwarzgeldsünder. Jetzt klingt es ganz anders. Der massive Druck aus dem Ausland habe die Wirkung nicht verfehlt, meint Eichel. Laut ihm steht die Schweiz im internationalen Vergleich heute viel besser da.

Anzeige

Jetzt würden alle auf Singapur, USA und Grossbritannien schauen. Mit so viel Lob für den Finanzplatz können Eidgenossen kaum noch umgehen. Das führt schon mal zu unkontrolliertem Übermut – so geschehen in Gestalt von Pirmin Bischoff. Der Solothurner Ständerat fordert den Bundesrat zum Handeln auf. Der müsse international dafür sorgen, dass für die beiden grössten Offshore-Märkte USA und Grossbritannien die gleichen Transparenzregeln gelten wie für die Schweiz.

Doch da hat wohl jemand die Situation falsch eingeschätzt. Erstens kümmert die Supermacht USA und ihre Steueroase Delaware die internationale Kritik wenig. Dort herrscht noch lange Mittelalter. Bei der Gründung einer Firma muss man nicht mal einen Pass zeigen. 

Mit Österreich droht der letzte Verbündete umzukippen

Viel wichtiger ist aber ein zweiter Punkt. Die Offshore-Leaks-Affäre beschleunigt eine Entwicklung, mit der Schweizer Banker so schnell nicht gerechnet haben. Unter dem Druck der aktuellen Enthüllungen knickt der Luxemburger Finanz-minister ein. Im Grossherzogtum will man eine verstärkte Zusammenarbeit mit ausländischen Steuerbehörden. Den automatischen Informationsaustausch lehnt man nicht mehr kategorisch ab. Auch Österreich zeigt Nerven. Die Signale aus Wien sind zwar noch widersprüchlich, aber der deutsche Kassenwart Wolfgang Schäuble hofft bereits auf Risse im Bollwerk. Damit wackeln die letzten Verbündeten der Schweiz. Die EU konnte bislang nur nicht über einen automatischen Informationsaustausch mit der Schweiz verhandeln, weil sich Luxemburg und Österreich dagegen gewehrt haben. Nun steigt der Druck. 

Die Taktik der Schweizerischen Bankiervereinigung wirkt da eher hilflos. Die Schweiz sei kein EU-Mitglied, argumentieren die Gralshüter des Schweizer Bankgeheimnisses. Und in den Verhandlungen mit den Amerikanern über das Fatca-Abkommen, mit dem sich die USA die Steuererträge aus Auslandvermögen sichern wollen, lobbyierten die Banker gegen einen Informationsaustausch in beide Richtungen. Es sollte wohl kein Präjudiz für kommende Diskussionen über den Austausch mit anderen Staaten geschaffen werden. Das Ergebnis ist eine Einbahnstrasse. Die Schweiz liefert Daten an die USA – umgekehrt läuft nichts.

Die Tage des Bankgeheimnisses scheinen also gezählt. Es hat uns «fett und impotent» gemacht, schrieb einst der Banker Hans J. Bär. Spätestens jetzt beginnt die Fitnesskur.