Freundschaften gibt es im politischen Geschäft keine. Wechselnde Koalitionen gehören zum Alltag. Die Halbwertszeit gegenseitiger Zuneigung ist kurz – und bei Hans-Ulrich Bigler ganz kurz. Noch im vergangenen August formulierte der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) beinahe eine Liebeserklärung an die Adresse der Schweizerischen Nationalbank (SNB). In der hauseigenen Zeitung lobte Bigler deren «kluge Geldpolitik». Die SNB zeige sich «verantwortungsbewusst».

Der grösste Dachverband der Schweizer Wirtschaft sei überzeugt, «dass es notwendig ist, die Unabhängigkeit der Nationalbank zu wahren». Wenige Tage später führte die SNB die Kursuntergrenze ein.

Zehn Monate später ist der Mann kaum wiederzuerkennen. Kriegspfad statt Kuschelkurs heisst seine neue Devise. Mit ihrer Kritik am Euro-Mindestkurs 1.20 gaben Ex-UBS-Chef Oswald Grübel und SVP-Patriarch Christoph Blocher vorletztes Wochenende die Richtung vor. Nun traktiert auch Bigler die Kursuntergrenze mit dem rhetorischen Zweihänder.

Die Nation rätselt über Biglers Motivation

So mancher Beobachter reibt sich erstaunt die Augen. Betreibt Bigler da nicht ein gefährliches Gewerbe? Sind es nicht seine Mitglieder, die von der 1.20-Formel am meisten profitieren? Die Antwort lautet ja. Entsprechend schrill war der Aufschrei in den eigenen Reihen.

Bereits rudert der SGV zurück. Trotzdem rätselt die Nation über Biglers Motivation. Wer ein 2011 verfasstes Grundlagenpapier des SGV durchliest, glaubt die Lösung gefunden zu haben. Massnahmen wie eine untere Wechselkursgrenze «lehnt der SGV ab», heisst es dort. Die Schweiz verliere damit einen Teil ihrer monetären Souveränität.

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Doch dass Bigler ohne Rücksicht auf Verluste plötzlich Thesen aus Grundlagenpapieren aufleben lässt, ist unwahrscheinlich. Vielmehr scheint in seinen «10 ordnungspolitischen Feststellungen», mit denen er via Sonntagspresse das Verhalten der SNB geisselte, Punkt acht das entscheidende Indiz zu liefern.

Unter dem Titel «Makroprudentielle Widersprüche» beklagt er, dass die SNB «in Übertretung ihres Mandates» die Banken regulieren will. Beispielsweise unterstütze die SNB die Vorschrift, den Anteil des Eigenkapitals bei Hypotheken zu erhöhen und vorzusehen, dass mindestens 10 Prozent davon nicht aus Auflösungen von Pensionskassenguthaben stammen.

Kampf gegen Bankenregulierung durch die Hintertür

Mit einem Widerspruch oder gar dem Thema Mindestkurs hat das freilich wenig zu tun. Makroprudentielle Massnahmen gelten nicht erst seit heute als neues Mittel gegen die nächste Blasenbildung. Die Zentralbanker ziehen damit die Lehre aus der verheerenden Finanzkrise, die unter anderem die Folge von Exzessen auf dem US-Häusermarkt war.

Gegen die Überhitzung auf dem Schweizer Immobilienmarkt könnten zwar auch höhere Leitzinsen helfen. Das würde aber den Aufwertungsdruck auf den Franken fahrlässig erhöhen.

Womöglich dient also die Debatte um den Mindestkurs gewissen Kreisen nur als Mittel zum Zweck. Die nächste Runde im Kampf gegen zu viel Bankenregulierung durch die SNB scheint durch die Hintertür eingeläutet zu sein. Das «eigenkapitallose Ungetüm», wie Bigler es nennt, soll wohl domestiziert werden.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Der Wunsch nach weniger Regulierung ist durchaus legitim und oft berechtigt. Aber aus der Finanzkrise müssen alle Beteiligten zwingend etwas lernen. Die nächste Blase sollte zumindest weniger Zerstörungspotenzial entfalten können. Wem die entsprechenden Massnahmen nicht passen, der sollte das direkt und nicht verklausuliert kommunzieren.

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Übrigens wollte Bigler vergangenen August nicht nur die Unabhängigkeit der SNB bewahren. Er lehnte auch «das parteipolitische Geplänkel um ihre Aufgabe und ihre Führung ab».

Weitere Details zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der «Handelszeitung», ab Donnerstag am Kiosk.