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Ausschreitungen
Frankfurt brennt: So straff ist Blockupy organisiert

Die linke Blockupy-Bewegung ist bis ins kleinste Detail organisiert. Sie gibt Kleidertipps, holt Festgenommene vom Polizeiposten ab und bietet ein Sorgentelefon.

Von Marc Iseli
am 18.03.2015

Es begann in Berlin. Am Dienstagnachmittag fanden sich immer mehr Personen am Ostbahnhof ein. Sie alle sind Anhänger der Blockupy-Bewegung – ein linkes, banken- und kapitalismuskritisches Bündnis aus mehr als 90 Organisationen. Darunter sind beispielsweise die Globalisierungskritiker von Attac, einige deutsche Gewerkschaften sowie die Oppositionspartei «Die Linke».

Ein Reporter der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» beschrieb die Menschenansammlung als «Gewühl von Rucksäcken, Isomatten und Schlafsäcken», das in Kleingruppen zusammen steht, Mate-Tee trinkt und selbstgedrehte Zigaretten raucht. Sie alle warteten auf einen Sonderzug nach Frankfurt am Main. Doch der Revolutionszug hatte Verspätung.

Bestens organisiert

In Hannover und Göttingen sprangen weitere Aktivisten auf. Dutzende folgten in Extrabussen. Gemeinsam ist ihnen die Verurteilung der Austeritätspolitik in Südeuropa. Sündenbock für alles, was in den Mittelmeerstaaten schief läuft, sind die «Institutionen». Die Europäische Zentralbank ist Teil dieser «Institutionen» –  entsprechend ist sie das Feindbild. Die Einweihung der neuen EZB-Glastürme ist für die Revoltierenden denn auch kein Festakt.

Es gibt nichts zu feiern, denn die EZB «steht für eine Verarmungspolitik in Europa», schreibt Blockupy auf ihrem Twitter-Account. Für Blockupy ist klar: Die Einweihungsfeier für das 1,3 Milliarden Euro teure EZB-Gebäude soll nicht ohne Widerspruch über die Bühne gehen.

Dass ein Sonderzug organisiert wurde, um eine Gruppe Revoltierender nach Frankfurt zu bringen, zeigt: Die Bewegung ist professionell. «Blockupy ist, was das Niveau der Organisation anbelangt, der Konzern unter den Aktionsbündnissen», schreibt die «FAZ». Und die Aktivisten führen tatsächlich ein straffes Regiment. Sie mieten nicht nur Extrazüge, in einer zwölfseitigen Broschüre bieten sie überdies ein Rundum-Sorglos-Paket für den Aktivisten.

Kleiderordnung für Demonstration

Blockupy regelt alle Kleinigkeiten: Sie beginnen mit einer Kleiderverordnung: «In den letzten Jahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Polizei gezielt Menschen festgenommen hat, die sie der linken Szene zugeordnet haben», heisst es in der «Bezugsgruppenbroschüre». Es sei sinnvoll, sich dieses Jahr ein szeneuntypisches Äusseres zuzulegen, damit man sich besser in der Stadt bewegen könne.

Das heisst: «Möglichst bunt, mal etwas schick, mal etwas atzig, sportlich elegant, bei allem natürlich auch auf die Frisur achten und Buttons, Aufnäher und Schmuck jeglicher Art am besten zuhause lassen». Gute Schuhe werden empfohlen, damit man besser rennen kann, «zudem lieber Brille als Kontaktlinsen». «Nehmt euch auf alle Fälle genug Wasser zum Trinken und Augen ausspülen mit», heisst es weiter – und erklärt auch gleich, weshalb Brillentragen empfohlen wird.

Kleine Gruppen bieten Schutz

Für die eigentliche Demonstration wird empfohlen, sich in kleinen Gruppen zusammenzufinden. «Konkret bietet die Gruppe Schutz vor Polizei- und anderen Übergriffen, vor Verletzung und bietet ganz generell Rückhalt bei jeglichen Schwierigkeiten.» Man soll sich einen ausgefallenen Übernamen geben, denn «dank einem kreativen Rufnamen findet die Gruppe in der Menge immer wieder zusammen.»

Für die Rollenverteilung innerhalb einer solchen Gruppe wird vorgeschlagen, dass jemand der «Sani» sein soll: Diese Person hat genügend Wasser zum Augen ausspülen dabei, «am besten eine spezielle Augenspül-Flasche», dazu Verbandsmaterial, Pflaster, Desinfektionsmittel und eine Isodecke. Eine zweite Person soll der «Karten-Mensch» sein. Sie hat am besten das Gelände bereits im Vorfeld eingehend gecheckt und zeichnet sich fürs Kartenlesen und für die Orientierung der Gruppe aus. «Das heisst aber nicht, dass nur ein Mensch eine Karte dabei haben sollte!!! Das sollten natürlich alle», heisst es weiter in diesem Mini-Ratgeber. 

Immer auf dem Laufenden

Eine dritte Person ist der «Kommunikations-Mensch»: Er hat die Nummern zum Blockupy-Anwalt, die Nummer zur Blockupy-Seelsorge, die Nummer zum Blockupy-«Arrestment-Shuttle», der Festegenommene von der Polizestation abholt. Er beobachtet auch den Blockupy-Twitter-Feed. «Besorgt euch dazu ein unregistriertes, ‹sauberes› Handy», empfiehlt die Bewegung.

Über Twitter werden die Demonstranten während den Protesten in Frankfurt laufend mit Informationen versorgt, die ihnen helfen sollen, nicht verhaftet zu werden.

«Aussage verweigern!»

Direkt nach den Kleidervorschriften und den Empfehlungen zur Rollenverteilung in der Gruppe bieten die Aktivisten auch Infos, wie man mit der Polizei umzugehen hat. Sie beschreiben mehrere Formationen, von «unsortierten Polizeihaufen», «einfachen Polizeiketten», «dichten Polizeiketten» und «doppelten Polizeiketten». Eine bekannte Strategie sei auch der «Polizeikessel».

Für den Fall einer Festnahme folgt auch gleich eine Handlungsanleitung: « Falls ihr Handys dabei habt, löscht alle Daten, zerkratzt die SIM-Karte auf dem Asphalt und zertrümmert (wenn möglich) die Handys.» Ansonsten gilt: «Aussage verweigern! Reagiere auf jede Frage mit ‹Ich verweigere die Aussage› – egal ob es ums Wetter, Fussball oder Bienenzucht geht!»

Blockupy verurteilt Krawalle

Von der massiven Gewalt am Mittwochmorgen hat sich Blockupy inzwischen distanziert. Das sei nicht das, was das Bündnis geplant und vorbereitet habe, sagte Linkspolitiker Ulrich Wilken, der die Demonstration angemeldet hatte.

Gleichzeitig sei die Wut der Bürger aber verständlich. Die EZB trage die Hauptverantwortung für eine europaweite «Verelendungspolitik». «Diese Wut ist heute in Frankfurt angekommen.» Andere Vertreter von Blockupy, wie der Aktivist Christoph Kleine, sehen indes vor allem eine Überreaktion der Sicherheitskräfte und kritisieren die «massive Polizeibrutalität».

An der Grosskundgebung am Römer halten die Aktivisten fest. Kurz vor 16 Uhr haben sich bereits 8000 Demonstranten im Stadtzentrum von Frankfurt versammelt. Bleibt zu hoffen, dass der Demo-Guide heute nicht mehr zu Einsatz kommen muss.

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