Man muss ihm ja auch mal was gönnen können. Bundesrat Johann Schneider-Ammann kriegte in der Vergangenheit oft die ganze Härte eines öffentlichen Daseins zu spüren. Kritiker gaben ihm für sein Kommunikationstalent nur ungenügende Noten. Im Berner Bürokratendschungel sahen sie ihn mitunter gar umherirren. «Er ist in seinem Amt nicht angekommen», lauteten dann die Kommentare – und das waren noch die höflichsten. «Der Bundesratlos», titelte die «Handelszeitung» vor zwei Jahren.

Doch jetzt herrscht Feuerpause. Schneider-Ammann wirkt entsprechend befreit, beinahe berauscht. Seit letztem Samstag strahlt er in jede Kamera, die er finden kann. Wir sehen die Metamorphose eines Magistraten. Zu Recht. Die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit China gehört zu den Meilensteinen in der Aussenwirtschaftspolitik des Landes.

Das Kleingedruckte las bislang allerdings noch niemand so richtig durch. Kaum jemand weiss, wie die Verhandlungsstrategie der Chinesen genau aussah. Und so mancher vermutet, dass der Vertrag am Ende nicht ganz so vorteilhaft ausfällt, wie es auf den ersten Blick aussieht. Für erstaunlich viele Produkte fallen die Zölle erst in ein paar Jahren oder gar nicht.

Die Freude über den Vertrag mit China dürfte nicht lange anhalten

Das Abkommen gilt dennoch als Erfolg. Die Schweiz kommt mit Maos Erben weit vor der EU ins Geschäft. Uhren, Schokolade und Maschinen lassen sich bald deutlich günstiger im Reich der Mitte absetzen. Die Freude über diesen Durchbruch dürfte freilich nicht lange anhalten. Während die Berner Handelsdiplomaten noch den Champagnerrausch der China-Party ausschlafen, droht an der Freihandelsfront bereits die nächste Herausforderung. Und im Gegensatz zum Fall China wird es diesmal für die Schweiz voraussichtlich bitter enden.

Seit letztem Montag verhandeln die Delegationen der EU und der USA in Washington über die Einrichtung der grössten Freihandelszone der Welt. 800 Millionen Bürger wären im Endausbau betroffen. 150 Beamte verhandeln jetzt ein Mammutvertragswerk, von dem sich Ökonomen einen enormen Schub für die beteiligten Volkswirtschaften versprechen. Laut Experten könnten bis zu zwei Millionen zusätzliche Jobs geschaffen werden.

Hierzulande droht eher das Gegenteil.  Eine Studie des Münchner Ifo-Instituts prophezeit der Schweiz einen Verlust von 18’000 Jobs und langfristig einen Rückgang des Wohlstandsniveaus von 4 Prozent. In Bern macht man sich deshalb schon seit Monaten ziemlich Sorgen. «Es ist in der Tat so, dass die Attraktivität des Werk-, Denk- und Forschungsplatzes Schweiz stark beeinträchtigt würde, falls unsere Industrie im Handel mit den USA nicht mehr gleich lange Spiesse hätte wie die Konkurrenten aus dem EU-Raum», sagte Schneider-Ammann bereits im Februar. Er versuchte damals am WEF bei Barack Obamas stellvertretendem Sicherheitsberater Verständnis für die Ängste der eidgenössischen Zaungäste zu wecken. Das ging gründlich daneben.

Für neue Verhandlungen mit den USA bräuchte es wohl ein Wunder

Washington ist beleidigt. Die Schweizer hätten schon lange ein Freihandelsabkommen mit den USA haben können. Allerdings schafften sie es als einziges Land der Welt, die Verhandlungen abzubrechen. Bereits 2006 wurde alles auf Eis gelegt – vor allem wegen unserer lieben Bauern.

Von einer Marktöffnung wollten die Hüter der Heidiwelt wie immer nichts wissen. Die mächtige Agrarlobby schiesst bis heute gegen alles, was die geschützte Werkstatt bedroht. Das rächt sich jetzt brutal. Neuverhandlungen mit den Amerikanern wären dringend nötig. Aber dafür bräuchte es wohl ein Wunder. Da wird auch Schneider-Ammann wieder zum Bundesratlos. Nur, diesmal steht er damit nicht alleine da.

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