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Auszeichnung
Friedensnobelpreis geht an Chemiewaffen-Inspektoren

Flagge vor dem Hauptsitz in DenHaag: Die OPCW vernichtet die syrischen Chemiewaffen. (Bild: Keystone)

Die Chemiewaffen-Inspektoren der Organisation OPCW werden 2013 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Die Vergabe ist auch ein Fingerzeig an die USA und Russland, die die meisten C-Waffen besitzen.

Veröffentlicht am 11.10.2013

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die Chemiewaffen-Inspektoren der Organisation OPCW, die derzeit die Vernichtung des Giftgas-Arsenals in Syrien überwacht. Die Auszeichnung der C-Waffen-Kontrolleure sei eine Mahnung an Staaten wie die USA und Russland, auch ihre eigenen riesigen Nervengas-Bestände zu zerstören, sagte der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, Thorbjörn Jagland, am Freitag in Oslo. «Dies gilt besonders, da sie genau dies von anderen Staaten wie Syrien verlangen.» OPCW-Generaldirektor Ahmet Üzümcü begrüsste die Ehrung, die die Inspektoren bei ihrer gefährlichen Arbeit ermutigen werde. Seine Organisation war erst nach dem Giftgas-Angriff in Damaskus einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgeworden. Durch das Nervengas Sarin wurden dabei im August mehr als 1400 Menschen getötet.

«Wir haben jetzt die Chance, eine ganze Kategorie von Massenvernichtungswaffen auszurotten», sagte Jagland. «Sollte uns dies gelingen, wäre das ein historischer Erfolg.» Die USA und Russland hatten sich eigentlich verpflichtet, ihre C-Waffen-Arsenale bis 2012 zu vernichten. Bisher ist dies jedoch nicht geschehen. Die beiden Staaten verfügen weltweit über die grössten Chemiewaffen-Bestände. Ingesamt 80 Prozent der auf der Welt deklarierten C-Waffen sind nach den Worten Üzümcüs inzwischen zerstört. «Aber 20 Prozent müssen noch vernichtet werden», sagte Üzümcü dem norwegischen Fernsehsender NRK. Das bis kürzlich geheimgehaltene syrische Arsenal, das rund 1000 Tonnen Sarin, Senf- und VX-Nervengas umfassen soll, ist in den Zahlen noch nicht erfasst.

Chemiewaffen-Konvention trat 1997 in Kraft

Hauptaufgabe der in Den Haag sitzenden Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) ist es, die Einhaltung der Chemiewaffen-Konvention zu kontrollieren. Die Vereinbarung trat 1997 in Kraft und verbietet Entwicklung, Produktion, Besitz, Weitergabe und Einsatz chemischer Waffen. Die OPCW nimmt wie derzeit in Syrien Inspektionen vor, um die Vernichtung bestehender Arsenale zu beaufsichtigen. Zudem überwacht sie die chemische Industrie, um die Produktion von Waffen zu verhindern. Die OPCW hat ungefähr 500 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von weniger als 100 Millionen Dollar.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte der OPCW zu der Auszeichnung. Die Organisation leiste weltweit einen wichtigen Beitrag zur Kontrolle und Beseitigung unmenschlicher Waffen. «Ihr Einsatz verdient unser aller Respekt.» Auch die Organisation Amnesty International nannte die OPCW einen würdigen Preisträger. «Es ist eine Mahnung an alle Regierungen und Konfliktparteien, dass Kriege Regeln haben, die respektiert werden müssen», sagte Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty.

Chemiewaffen-Konvention folgte auf EU und Barack Obama

Mit der Verleihung des Preises an die OPCW kehrt das Nobelpreiskomitee zu seinen Wurzeln in der Abrüstungsbewegung zurück. Zuvor hatten etwa die Europäische Union und US-Präsident Barack Obama die Auszeichnung erhalten. Dies war von vielen als Bruch mit dem Geist des Friedensnobelpreises kritisiert worden. Als Favoritin für den diesjährigen Preis war lange Zeit das pakistanische Mädchen Malala Yousafzai gehandelt worden, das sich vehement für Frauenrechte einsetzt und vergangenes Jahr nur knapp einen Mordversuch der radikal-islamischen Taliban überlebt hatte.

Auch die Arbeit der Chemiewaffen-Inspektoren inmitten des syrischen Bürgerkrieges, der schon mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hat, ist gefährlich. Ende August wurde eine Gruppe OPCW-Experten in Damaskus von Scharfschützen beschossen. Es ist das erste Mal, dass die Inspektoren die Vernichtung eines C-Waffen-Arsenals unter Kriegsbedingungen überwachen sollen. Und die schlechten Nachrichten aus dem Kriegsgebiet reissen nicht ab: Menschenrechtler berichteten am Freitag über ein Massaker syrischer Rebellen an alawitischen Familien. Dabei seien im August in der Provinz Latakia mindestens 190 Menschen getötet worden

USA und Russland haben grösste C-Waffen-Arsenale

Die weltweit größten Arsenale lagern in den USA und Russland. Zu den Staaten, die nach eigenen Angaben bis heute C-Waffen vorhalten, zählen Albanien, Indien, der Irak und Libyen. In den Mitgliedsstaaten der Chemiewaffen-Konvention gab es ursprünglich nach OPCW-Angaben rund 71.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, die in 8,6 Millionen Geschosse oder Behälter abgefüllt waren. Knapp 58.000 Tonnen davon wurden bisher unter Aufsicht zerstört. Zum Vergleich: Eine stecknadelkopfgrosse Menge eines Nerven-Kampfstoffes genügt, einen erwachsenen Menschen binnen Minuten zu töten.

Deutschland besitzt keine chemischen Waffen und hat auch die vom Deutschen Reich vor 1945 produzierten Bestände vernichtet. Werden dennoch bei Erdarbeiten alte Chemiewaffen gefunden, werden sie der OCPW gemeldet und zerstört. Chemische Kampfstoffe lösen Erstickungsanfälle, Brandwunden und Krämpfe aus und verbreiten sich schnell in der Luft. Im Ersten Weltkrieg wurden sie massiv eingesetzt. 1988 fielen dem letzten grossen C-Waffen-Angriff im irakischen Halabdscha rund 5000 Menschen zum Opfer.

Der mit 1,25 Millionen Dollar dotierte Friedensnobelpreis wird am 10. Dezember in Oslo überreicht, dem Jahrestag des Todes des schwedischen Industriellen Alfred Nobel.

(reuters/moh/aho)

 

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