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Politik

«Für mich sind Quoten das falsche Mittel»

Unter Microsoft-Schweiz-Chefin Petra Jenner sind auch auf Kaderstufe Teilzeitmodelle möglich. (Bild: zvg)

Die EU diskutiert eine Frauenquote von 40 Prozent. Für Petra Jenner, Chefin von Microsoft Schweiz, ist dieser Ansatz falsch. Im Interview mit «Handelszeitung Online» erklärt sie, weshalb.

Von Vasilije Mustur (Interview)
am 19.11.2012

«Handelszeitung Online»: Die EU-Kommission will eine Frauenquote einführen. Was halten Sie davon?
Petra Jenner: Ich verstehe die Motivation dieser Forderung und begrüsse es, dass sich die EU-Kommission diesem Thema so engagiert widmet. Für mich sind Quoten jedoch das falsche Mittel, um hier Fortschritte zu erzielen.

Weshalb?
Eine Frauenquote richtet den Blick auf ein Symptom, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen dieses Defizits auseinanderzusetzen.

Wie könnte man es besser machen?
Ich setzte mich persönlich stark dafür ein, Rahmenbedingungen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Flexible Arbeitsformen und Teilzeitmodelle auf allen Hierarchiestufen sind entscheidend, um Frauen zu gewinnen und langfristig zu binden. Dies ist jedoch nicht nur für die Frauen wichtig: Wenn Frauen mehr Verantwortung in der Wirtschaft wahrnehmen, müssen wir auch den Männern mehr Freiraum geben, damit sie sich stärker für die Familie engagieren können.

Ist die geplante Einführung der Frauenquote nicht ein Eingeständnis dafür, dass sowohl Politiker wie auch die bisherigen Wirtschaftsführer in dieser Frage versagt haben?
So weit würde ich nicht gehen. Für mich ist es ein Zeichen, dass man hier etwas verändern will und nicht länger bereit ist, nur zuzusehen und abzuwarten. Diese Haltung teile ich. Ich hinterfrage lediglich die Mittel, mit welchem eine Veränderung erzielt werden soll.

Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Folgen der Frauenquote ein?
Das lässt sich momentan noch schlecht abschätzen. Tatsache ist aber, dass wir momentan die von der EU-Kommission geforderten 40 Prozent gar nicht finden würden und dies automatisch zu Lasten der Qualität geht. Damit verbunden fände ich es gravierend, wenn dann erfolgreiche Frauen automatisch als vermeintliche Quotenfrauen wahrgenommen werden.

Können Sie einen Unterschied zwischen Mann und Frau an der Spitze eines Unternehmens ausmachen?
Die Unterscheidung nach Geschlecht greift zu kurz. Ich kenne Frauen, die sehr hart und emotionslos führen und Männer, die sehr viel Empathiefähigkeit und Feingespür vorleben.

Wurden Ihnen auf dem Weg die Karriereleiter hinauf jemals Steine in den Weg gelegt, weil Sie eine Frau sind?
Nein, das habe ich nicht erlebt. Ich wurde von Frauen und Männern gleichermassen gefördert.

Müssen Kadermitarbeiter Vollzeit arbeiten?
Heute muss es möglich sein, auf jeder Hierarchiestufe Teilzeit zu arbeiten und zwar für Frau und Mann. Bei uns ist das längst so – sogar in der Geschäftsleitung haben wir Teilzeitmodelle.  

Was erwarten Sie von der Schweizer Politik?
Ich würde mir wünschen, dass die Politik sich für gesetzliche Rahmenbedingungen einsetzt, die Teilzeit und flexible Arbeitsformen fördern und begünstigen.

Wie geht Microsoft Schweiz mit der Frauenquote um?
Wir haben keine Frauenquote und werden auch keine einführen. Da wir aber felsenfest davon überzeugt sind, dass gemischte Teams erfolgreicher sind, investieren wir viel in Rahmenbedingungen, die uns helfen, Frauen zu gewinnen und binden. In den letzten 5 Jahren sind alle Frauen nach der Geburt ihres Kindes zurück in die Firma gekommen. Darauf bin ich sehr stolz – es zeigt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf heute schon möglich ist.

Ist die Frauenquote nicht Symptombekämpfung? Sollte sich die Schweiz und Europa nicht vielmehr darauf konzentrieren, Kinderkrippenplätze flächendeckend auszubauen, damit die Mütter auch Karriere machen können?
Attraktive Betreuungsmodelle – hier geht es nicht nur um Krippen sondern auch die schulischen Modelle – sind sicherlich einen ganz wichtige Grundlage. Das alleine genügt jedoch nicht. Wer Kinder hat, möchte mit Ihnen so viel Alltag wie möglich verbringen und für sie da sein, wenn sie krank sind oder ein wichtiges Ereignis stattfindet. Hier müssen Politik und Wirtschaft Hand in Hand für mehr Flexibilität in der Arbeitswelt sorgen.

Petra Jenner ist seit Oktober 2011 Country Manager von Microsoft Schweiz. Davor leitete sie die Niederlassung in Österreich.

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