Der Rubel-Verfall erweist sich immer mehr als Achillesferse der russischen Wirtschaft. Die rasende Talfahrt der Währung wird die Führung in Moskau über kurz oder lang zu Zugeständnissen in der Ukraine-Krise zwingen, prophezeien Ökonomen.

«Für Russland dreht sich alles um den Wechselkurs», sagt ein Experte, der anonym bleiben will. Der Aderlass ist so stark, dass die Wirtschaft auszubluten droht. Denn der Preis für Öl, eine der Haupteinnahmequellen des Landes, sinkt ebenfalls deutlich.

Der Rubel auf Tauchfahrt

Der Rubel fällt momentan von einem Rekordtief zum nächsten und hat binnen drei Monaten mehr als ein Fünftel seines Wertes gegenüber dem Dollar eingebüsst. Der Kursverfall ist verheerend für den Rohstoffriesen, dessen wirtschaftliche Basis auf tönernen Füssen steht: Allen Versprechungen des Präsidenten Wladimir Putin zum Trotz ist das Land weiter stark abhängig von seinen Ölexporten.

Die von Europa bis China reichende Konjunkturflaute drückt aber den Preis. Jeder Dollar weniger pro Fass Öl bedeutet für das Land zwischen Kaliningrad und Wladiwostok aufs Jahr gerechnet bis zu drei Milliarden Dollar weniger Einnahmen. Mit dem Preissturz um 25 Dollar in den vergangenen drei Monaten entgehen Russland somit bis zu 75 Milliarden Dollar.

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Ein Dollar kostete am Freitag nur noch 41,15 Rubel. Doch damit ist wohl noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, wie Devisen-Experte John Hardy von der Saxo Bank sagt. Binnen sechs Monaten werde der Kurs bei 45 Rubel landen.

Russische Zentralbank stemmt sich dagegen

Die russische Zentralbank stemmt sich immer wieder mit Interventionen am Markt gegen den Verfall und greift dabei auf ihren noch üppig gefüllten Devisenschatz zurück. Mehr als 50 Milliarden Dollar musste sie dieses Jahr schon zur Stabilisierung der Währung aufwenden.

Allein in diesem Monat waren zehn Milliarden Dollar fällig. «Die Notenbank hat es mit diesem Kursverfall verflixt schwer», meint Devisenexperte Hardy. Daher werde nichts aus dem erklärten Ziel, den Rubel nächstes Jahr am Markt frei schwanken zu lassen. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina erklärte erst kürzlich, sie wolle die Währung ab Januar den Marktkräften überlassen und dann weitgehend auf Interventionen verzichten.

Russland muss Kapitalflucht bremsen

Dieses Ziel kann sie aber realistischerweise nur verwirklichen, wenn die Kapitalflucht aus dem Land deutlich gebremst wird. Die Zentralbank unterstellt für 2015 einen Rückgang der Nettokapitalablüsse auf 35 Milliarden Dollar von geschätzten 90 Milliarden Dollar im laufenden Jahr. Viele Experten erwarten, dass dies nur mit Kapitalkontrollen erreicht werden kann.

Ein wesentlich aussichtsreicherer Weg könnte es jedoch sein, die Weichen im Ukraine-Konflikt auf Entspannung zu stellen. Dann dürfte Russland Vertrauen im Westen zurückgewinnen - auch bei ausländischen Investoren.

Vor diesem Hintergrund haben auch eher symbolische Gesten Putins Gewicht: So hatte Russland jüngst angekündigt, nach Manövern an der Grenze zur Ukraine rund 17’600 Soldaten in die Kasernen zurückzubeordern. Aufhorchen lässt auch, dass Putin ein Gespräch mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko und mehreren EU-Spitzenvertretern als «gut und positiv» wertete.

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 (reuters/ise/ama)