Ein Tsunami verwandelte in Fukushima mehrere Reaktorblöcke in strahlende Ungeheuer – und der Omaschreck im Wollpullover fand sich plötzlich inmitten bürgerlicher Atomaussteiger wieder. Seine Visionen von blühenden Landschaften mit süssen Kleinstkraftwerken und netten Elektromobilen beflügelten die kollektive Sehnsucht nach einer Welt mit viel Heidi und wenig Risiko.

Doch ein Jahr später strahlt die Idee vom postatomaren Zeitalter nicht mehr so viel -Anziehungskraft aus. Auf die Ausstiegseuphorie folgt die bange Frage nach der konkreten Umsetzung. Was gerade noch als epochaler gesellschaftlicher Konsens gefeiert wurde, krachte inzwischen auf den harten Boden der Realität. In den Niederungen der Machbarkeit wirkt der vom Bundesrat beschlossene Atomausstieg deutlich schwieriger als von der Solarlobby stets behauptet.

Der Bund setzt auf das Prinzip Hoffnung

Auf den grossen Plan wartete man bislang vergeblich. Der Bund setzt dem künftigen Energiebedarf offenbar das Prinzip Hoffnung entgegen. Mehr Effizienz soll den Stromverbrauch senken. Wer all die zusätzlichen iPhones, iPads, e-cars, e-bikes und e-demnächst-erfunden laden soll, weiss freilich keiner. 


Klar ist aber bereits, dass Menschen ihr Verhalten nur langsam ändern, wenn überhaupt. Wie träge sie auf umweltfreundliche Innovationen reagieren, zeigt das Beispiel General Motors. Als «Einstieg in den Benzinausstieg» feierte die Presse im Jahr 2010 die Markteinführung des Chevrolet Volt. Mit dem Elektroauto wollte der amerikanische Autogigant die Energiewende auf der Strasse einläuten. Doch seit wenigen Tagen stehen die Produktionsbänder still. Die Verkaufszahlen lagen sowohl in den USA wie auch bei der Opel-Tochter in Deutschland deutlich unter den Erwartungen.

Auf dem Weg der Erkenntnis kamen Schweizer Konsumenten bislang nicht viel weiter. Der Absatz des teureren Ökostroms verzeichnete nach Fukushima lediglich ein Zwischenhoch. Ob Basel, Bern oder Luzern, mehr als ein paar hundert Bestellungen kamen im vergangenen März nicht zusammen. Danach brach die Nachfrage wieder ein.

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Ernst zu nehmende Opfer will bis heute niemand bringen. Das gilt auch für die Akzeptanz von Solaranlagen, Windrädern und vor allem der Netzinfrastruktur. Projekte zum nötigen Ausbau der Übertragungsleitungen stossen in der Bevölkerung auf erbitterten Widerstand – ganz zu schweigen von den technischen Herausforderungen, wie sie gerade ABB mit den Offshore-Windparks in Deutschland erlebt.

An gasbetriebenen CO2-Schleudern führt kein Weg vorbei

Die Politik muss der verunsicherten Bevölkerung endlich die ungeschminkte Wahrheit beibringen. Der Atomausstieg war zwar richtig, geschah aber ohne Plan, völlig überstürzt, mit ungewissen Erfolgsaussichten und demnächst  enormen Kostenfolgen.

Eigentlich werfen sich nur Lebensmüde ohne Fallschirm aus dem Flugzeug. In der Schweiz tun das auch Bundesräte. Nun ist es höchste Zeit, dass sie ihre konkreten Lösungsvorschläge für die Energiewende nachliefern. An gasbetriebenen CO2-Schleudern führt allerdings kein Weg vorbei. Nur so lässt sich die unverhandelbare Versorgungssicherheit für die Wirtschaft sicherstellen.

Immerhin wird das Prinzip Erneuerbarkeit auf absehbare Zeit zuverlässig funktionieren. Die erneuerbare Ernüchterung treibt Omaschreck wie Neo-Aussteiger gleichermassen um.