Julia Timoschenko ist zurück im politischen Rampenlicht. Unmittelbar nach ihrer Freilassung aus der Haft wandte sich die frühere ukrainische Ministerpräsidentin in einer emotionalen Rede an die Demonstranten auf dem Maidan in Kiew. Viele trauen der charismatischen 53-Jährigen zu, die gespaltene Opposition zu einen. Nicht nur wegen ihrer langen politischen Erfahrung könnte sie dabei andere Rivalen des vom Parlament abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch wie etwa den früheren Profi-Boxer Vitali Klitschko in den Schatten stellen.

Allerdings ist Timoschenko, die 2011 wegen Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit Erdgasverträgen mit Russland zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, nicht für alle eine Märtyrerin. Viele Ukrainer sind ernüchtert, dass die einstige Ikone der Orangen Revolution keinen wirklichen Wandel im Land herbeiführte und werfen ihr dubiose Geschäfte in der Vergangenheit vor.

Timoschenko ist gelernt Wirtschaftsingenieurin

Timoschenko begann ihre Karriere als Wirtschaftsingenieurin in einer Maschinenfabrik in ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk im russisch geprägten Osten der Ukraine. Ende der 80er Jahre nahm sie ihr erstes eigenes Unternehmen in Angriff - einen Videoverleih. Danach ging es beruflich steil bergauf. Nach der Gründung eines kleineren Erdöl-Unternehmens übernahm sie die Leitung des zeitweise grössten Erdgaskonzerns der früheren Sowjetrepublik, EESU.

Der Posten brachte Timoschenko den Spitznamen «Gasprinzessin» und vermutlich auch ein Millionen-Vermögen ein. 2000 wurde sie Vize-Ministerpräsidentin mit Verantwortung für die Energiepolitik.

Nach ihrer Entlassung im Jahr darauf musste die Politikerin einige Wochen im Gefängnis verbringen. Zur Last gelegt wurden ihr die Fälschung von Zolldokumenten und der Schmuggel von Gas. Die später in allen Punkten freigesprochene Timoschenko bezeichnete das Vorgehen gegen sie als Hexenjagd eines korrupten Energiesektors, dem sie den Kampf ansagte.

Neues Image

Sie legte sich ein neues Image zu: Mit blondiertem, geflochtenen Haarkranz und folkloristisch inspirierter Designer-Kleidung signalisierte sie Bodenständigkeit und ihre Abkehr von den Oligarchen.

Anzeige

Als Galionsfigur der Orangen Revolution 2004/05 wurde die Politikerin über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Die flammenden Reden der «Gasprinzessin» auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew elektrisierten damals Hunderttausende Demonstranten, die dem damals frisch zum Präsidenten gekürten Janukowitsch Wahlfälschung vorwarfen. Nach der so erzwungenen Wiederholung der Wahl wurde Timoschenko Ministerpräsidentin an der Seite des neuen Präsidenten Viktor Juschtschenko, des zweiten Oppositionsführers der Orangen Revolution. Die beiden gerieten in Streit über den politischen Kurs und Timoschenko musste nach noch nicht einmal einem Dreivierteljahr an der Macht wieder gehen.

Verhaftung im Jahr 2010

Nach einem Intermezzo als Oppositionschefin wurde Timoschenko Ende 2007 erneut Ministerpräsidentin. Staatschef Janukowitsch wirft sie 2010 raus, nachdem die beiden bei Präsidentschaftswahlen gegeneinander angetreten waren. Kurz darauf wurde Timoschenko wegen des Gasabkommens mit Russland inhaftiert. Viel Zeit verbrachte sie seitdem wegen eines Rückenleidens in einem Krankenhaus im nordöstlich Charkow. Auch Spezialisten der Berliner Charite reisten zur Behandlung dorthin, eine Ausreise der Politikerin nach Deutschland scheiterte am ukrainischen Parlament. Der Westen kritisierte die Verurteilung Timoschenkos als politisch motiviert.

Mit ihrem scharfen Ton und kämpferischen Stil hat sich Timoschenko, die eine erwachsene Tochter hat, nicht nur Freunde gemacht. Während die einen ihr treu ergeben sind, haben andere nur Verachtung übrig. Das spiegelte sich auch in ihrem Empfang auf dem Maidan wider. Es waren sowohl Sprechchöre mit ihrem Namen zu hören als auch Pfiffe. Timoschenko selbst wirkte emotional aber auch müde.
«Sie ist ein Symbol», sagte die 54-jährige Tamara Makowezka aus Kiew.

«Aber entschieden wird in den Wahlen. Wir werden entscheiden - zumindest hoffe ich, dass wir entscheiden.» Der 50-Jährige Taxifahrer Oleh war vorsichtig. "Ich habe für sie gestimmt, da sie die einzige Alternative war. Aber sie war enttäuschend." Alle Politiker der letzten 22 Jahren müssten weg vom Fenster. «Die, die die Revolution angeführt haben, die Mittelklasse, die sich selbst verteidigenden Demonstranten - das ist die Sorte von ehrlichen Menschen, die wir brauchen.»

(reuters/moh)