Der frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck ist neuer deutscher Bundespräsident. Mit überwältigender Mehrheit wählten die Delegierten der Bundesversammlung am Sonntag in Berlin den 72-Jährigen zum neuen Staatsoberhaupt.

Er wurde schon im ersten Wahlgang mit gut 80 Prozent der Stimmen gewählt. In einer kurzen Rede vor den Abgeordneten des Bundestages und den Delegierten der Bundesländer sagte der neue Präsident, er nehme die neue Aufgabe mit Dankbarkeit an.

Bedeutung der Freiheit

Gauck erinnerte an die Bedeutung der Freiheit und die sich daraus ergebende Verantwortung. Der Ostdeutsche bezog sich dabei insbesondere auf die erste freie Wahl in der DDR vom 18. März 1990. Damals habe er «nach langen Irrwegen in den politischen Wüsten des 20. Jahrhunderts» endlich Heimat wiedergefunden.

Der Theologe sagte, er werde an einer Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung mitwirken. Zugleich machte er deutlich, dass er die Bürger zu mehr Verantwortung für ihr Land ermuntern wolle.

Auch warnte Gauck in seiner Rede vor zu hohen Erwartungen. «Aber eins kann ich versprechen: Dass ich mit all meinen Kräften und mit meinem Herzen Ja sage zu der Verantwortung, die Sie mir heute übertragen haben», sagte er.

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Chancenlose Mitbewerber

Gauck erhielt 991 von 1228 abgegebenen gültigen Stimmen. Er war von den Regierungsparteien CDU/CSU und FDP ebenso wie von den Oppositionsparteien SPD und Grünen unterstützt worden. Eine Überraschung waren deshalb 108 Enthaltungen und vier ungültige Stimmen.

Die von der Linkspartei nominierte ehemalige Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld kam auf 126 Stimmen - einige mehr als die Linke Delegierte hat. Der von der NPD aufgestellte Historiker Olaf Rose verbuchte drei Stimmen, mit genauso vielen Delegierten war die rechtsextreme Partei vertreten.

Kanzlerin Angela Merkel sagte, Gauck werde «sein Amt gut für unser Land wahrnehmen». Er habe die Belange der Bürger im Auge und achte zugleich die Politiker. Dass nun zwei Persönlichkeiten aus dem Osten an der Spitze des Staates stünden, sei ein Zeichen, dass die deutsche Einheit gelinge und gelungen sei.

Sofortige Aufnahme des neuen Amtes

Gauck nimmt bereits an diesem Montag seine Amtsgeschäfte offiziell auf. In einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat soll er am kommenden Freitag vereidigt werden.

Bereits erhielt er erste Glückwünsche zu seiner Wahl. Im Namen der Europäischen Kommission gratulierte deren Präsident Manuel Barroso und forderte Gauck auf, sich gemeinsam für Europa einzusetzen. Auch Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy gratulierte. Gaucks Kampf für Freiheit und sein Einsatz im Dienste der Demokratie seien für Europa eine "wertvolle Botschaft".

Kritik an Wirbel um Rücktritt Wulffs

Bei der Präsidentenwahl vor zwei Jahren war Gauck noch dem Christdemokraten Christian Wulff im dritten Wahlgang unterlegen. Wulff war nach nur 20 Monaten Amtszeit am 17. Februar wegen einer Kette von Vorwürfen aus seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident zurückgetreten. Die Justiz ermittelt gegen ihn wegen Vorteilsannahme.

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Bundestags-Präsident Norbert Lammert, der auch die Bundesversammlung leitete, ging in seiner Eröffnungsrede darauf sowie auf den wochenlangen Wirbel um Wulff in den Medien ein. Er sagte, eine faire Beurteilung der Ereignisse werde erst mit Abstand möglich sein. «Es gibt durchaus Anlass für selbstkritische Betrachtungen, nicht nur an eine Adresse.»

Niemand wird nach den Worten Lammerts die dritte Wahl eines Präsidenten innerhalb von drei Jahren für eine Errungenschaft halten. Es sei wünschenswert, wieder näher an die in der Verfassung vorgesehene Amtszeit von fünf Jahren zu kommen, sagte Lammert.

(vst/sda)