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Angriffe
Gaza-Konflikt: Verwirrung über Waffenruhe

Israelische Soldaten auf einem Panzer: Bereits über 1000 Tote. Keystone

Die Hamas verkündete eine 24-stündige Feuerpause. Dennoch flogen Raketen in Richtung Israel. Unterdessen findet US-Präsident Barack Obama deutliche Worte.

Veröffentlicht am 28.07.2014

Nach der Verkündung einer 24-stündigen Waffenruhe durch die radikalislamische Hamas sind die Kämpfe im Gazastreifen am Sonntag abgeflaut. Zwar flogen auch nach dem angekündigten Beginn Raketen Richtung Israel. Einwohner berichteten aber, dass die Zahl am Nachmittag abgenommen und auch die israelische Armee ihren Beschuss verringert habe. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu liess offen, ob sich sein Land der Waffenruhe anschliesst. «Die Hamas hält sich noch nicht einmal an ihre eigene Feuerpause. Sie beschiessen uns sogar, während wir hier miteinander sprechen», sagte er im Sender CNN.

Am Samstag hatten nach knapp drei Wochen fast ununterbrochener Kämpfe erstmals die Waffen für längere Zeit geschwiegen. Die Bewohner des Gazastreifens nutzten die Atempause, um Tote zu bergen und Lebensmittel zu kaufen.

Über 1000 Tote

Israel verlängerte am Samstag die unter internationaler Vermittlung zustande gekommene und von beiden Seiten eingehaltene zwölfstündige Feuerpause einseitig bis Sonntagabend. Am Morgen wurde Israel aber wieder mit Raketen beschossen. Im Süden und in der Mitte des Landes wurde Luftalarm ausgelöst. Nach Militärangaben gingen mindestens fünf Raketen in Israel nieder, zwei weitere wurden abgefangen.

Daraufhin nahm die Armee ihre Offensive im Gazastreifen wieder auf. Bei diesen Angriffen kamen Ärzten zufolge mindestens zehn Menschen ums Leben. Damit sind nach palästinensischen Angaben in der von Israel, Ägypten und dem Mittelmeer umgebenen Enklave in dem seit 20 Tagen andauernden Konflikt etwa 1030 Menschen getötet worden. Zunächst war von etwa 1060 Toten die Rede. Das palästinensische Gesundheitsministerium korrigierte diese Zahl später nach unten. Israel gibt die Zahl der getöteten Soldaten mit 43 an. Ausserdem sind drei Zivilisten durch Raketen ums Leben gekommen.

Appell der Vereinten Nationen

Ein Hamas-Sprecher begründete die 24-stündige Feuerpause mit einem Appell der Vereinten Nationen und dem bevorstehenden Ende des Fastenmonats Ramadan. Die Waffenruhe sollte um 13.00 Uhr MESZ einsetzen. Unmittelbar danach war aber noch israelischer Artilleriebeschuss zu hören, und in grenznahen israelischen Ortschaften heulten die Sirenen.

Offenblieb nach Netanjahus Äusserungen zunächst, ob auch Israel seine Angriffe einstellen würde. Israel werde alles tun, um seine Bevölkerung zu schützen, sagte der Ministerpräsident lediglich. Das erklärte Ziel der Streitkräfte ist die Zerstörung des verzweigten Tunnelsystems der Hamas. Die Stollen dienen den Islamisten etwa als Waffenlager. Zudem vereitelten die Streitkräfte nach eigenen Angaben mehrere Angriffe der Extremisten, die durch Tunnel auf israelisches Gebiet gelangen wollten. Am Sonntag sei ein Gang entdeckt worden, der bis zum Speiseraum eines Kibbuz führe.

Ganze Häuserzeilen in Trümmern

Im Gazastreifen haben der Artilleriebeschuss und die Luftangriffe grossflächige Zerstörungen hinterlassen. Viele Einwohner brachen in Tränen aus, als sie am Samstag erstmals Unterstände verlassen konnten und ihre beschädigten oder zerstörten Häuser aufsuchten. In manchen Orten liegen ganze Häuserzeilen in Trümmern. Nach Angaben des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge wurden über 167.000 Menschen aus ihren Wohnungen durch die Kämpfe vertrieben. Im Gazastreifen leben insgesamt 1,8 Millionen Menschen.

US-Aussenminister John Kerry stellte nach mehreren Tagen seine Pendeldiplomatie in der Region ein und flog in die USA zurück. Zusammen mit seinen Amtskollegen aus mehreren europäischen Ländern sowie der Türkei und Katars hatte er am Samstag in Paris Wege für ein Ende der Kämpfe ausgelotet. Ein greifbares Ergebnis wurde nicht bekannt. Die Minister beschränkten sich auf den Appell, die Kämpfe zu beenden.

Obama verlangt bedingungslose Feuerpause

Kerry hatte bereits am Freitag Vorschläge für eine Deeskalation unterbreitet. Israelische Kabinettsmitglieder sprachen von einem «Desaster». Während in dem Plan alle Hamas-Forderungen erfüllt seien, würden israelische Bedingungen wie eine Entwaffnung der Islamisten ignoriert. Die Hamas fordert vor allem, dass Israel und Ägypten die Blockade des Gazastreifens aufheben.

US-Präsident Barack Obama verlangte von den Konfliktparteien eine bedingungslose Feuerpause. Dies habe er in einem Telefongespräch mit Netanjahu deutlich gemacht, erklärte das Präsidialamt. Es müsse eine Waffenruhe aus humanitären Gründen geben. Langfristig sollen demnach extremistische Gruppen im Gazastreifen entwaffnet und das Küstengebiet zu einer entmilitarisierten Zone werden.

Die Kämpfe lösten unterdessen auch Unruhen im Westjordanland aus. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben am Freitag acht Menschen in der Nähe von Nablus und Hebron getötet. In Deutschland verliefen am Wochenende Proteste gegen Israel weitgehend friedlich. Anders als bei früheren Demonstrationen wurden keine antisemitischen Zwischenfälle bekannt. Hingegen gab es am Samstag bei Protesten in Paris Ausschreitungen. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein und nahmen 69 Personen fest. In Marseille versammelten sich am Sonntag 2000 pro-israelische Demonstranten, nachdem am Vortag ebenfalls 2000 Menschen gegen das Vorgehen der Armee protestiert hatten.

(reuters/dbe)

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