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Zerstörung
Gazas Wirtschaft liegt in Trümmern

Grosse Zerstörung in Gaza: Der Wiederaubau wird kompliziert.  Keystone

Die Wochen des Krieges haben tiefe Spuren hinterlassen. Die Verwüstungen werden die marode Wirtschaft in Gaza noch lange belasten. Palästinas Regierung schätzt die Schäden auf sechs Milliarden Dollar.

Von Gabriel Knupfer
am 06.08.2014

Nach einem Monat Krieg ist der menschliche Verlust nicht die einzige Sorge für Gazas Bevölkerung. Auch die Zerstörung der Infrastruktur wiegt schwer. Das Ausmass der Verwüstungen sei dieses Mal weit grösser als in den vergangenen zwei Gazakriegen, schreibt die «New York Times» unter Berufung auf Hilfsorganisationen.

Nach Zahlen des Uno-Hilfswerks für die palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA) verloren im jüngsten Konflikt 60'000 Menschen ihre Häuser. An die 500'000 Bewohner sind innerhalb des Gazastreifens geflohen. Er habe noch nie so schwere Zerstörungen gesehen, twitterte IKRK-Präsident Peter Maurer, der sich vor Ort ein Bild der Situation machen will. «Ich war tief schockiert darüber, was ich gesehen habe», so der Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

Alles noch schlimmer geworden

Gazas Wirtschaft stand bereits vor dem jünsten Krieg auf wackligen Beinen. Die Versorgung mit ausländischen Gütern – Benzin, Milch, Zigaretten – sei schon im Sommer 2013 eingebrochen, sagt Omar Shaban vom palästinensischen PalThink Institute for Strategic Studies gegenüber «Al Jazeera». Damals hatte die ägyptische Armee einen Grossteil der Schmuggeltunnel in Rafah zerstört.

Durch den Krieg ist alles noch viel schlimmer geworden. «Man kann nicht sagen, dass es noch eine Wirtschaft gibt», findet Ökonom Shaban. Nach Wochen der Kämpfe sei der Wiederaufbau eine schier unlösbare Herausforderung.

Aufbau kostet sechs Milliarden Dollar

Ein grosses Problem ist die Elektrizität: Vor dem Krieg war der Strom durchschnittlich während acht Stunden am Tag ausgefallen. Doch nach der Zerstörung des einzigen Kraftwerks und den reduzierten Importen aus Israel reiche die Elektrizität inzwischen nur noch für vier Stunden, rechnet Omar Shaban vor.

Die Schäden des Krieges belaufen sich nach einer Schätzung von Mohammed Mustafa, des stellvertretenden Premierministers der Autonomiebehörde, auf sechs Milliarden Dollar. Dies ist mehr als das Doppelte des jährlichen Bruttoinlandprodukts des Gazastreifens – dieses wird von der Weltbank auf rund 2,9 Milliarden Dollar geschätzt. Trotzdem wolle man so schnell wie möglich mit dem Wiederaufbau beginnen, sagt der Politiker gegenüber «Voice of America».

Blockade bleibt vorerst in Kraft

Internationale Hilfsgelder sollen bald fliessen: Nach dem vorläufigen Ende des Waffengangs versprechen humanitäre Organisationen Hilfe. Die Bevölkerung soll so schnell wie möglich mit Nahrungsmitteln, Wasser, Benzin und Medikamenten versorgt werden. Schwieriger wird indes die Beschaffung von Material für den Wiederaufbau. «Im Moment erlauben wir nur die Einfuhr von humanitären Gütern», erklärt Guy Inbar von israelischen Verteidigungsministerium.

Zement und andere Baustoffe seien ein Sicherheitsrisiko für Israel, so Inbar. Schuld daran trage die Hamas. «Anstatt sich um die Bevölkerung zu kümmern, haben sie das Material in der Vergangenheit für den Bau ihrer Terrortunnel verwendet.» In jedem Tunnel sei so viel Beton verbaut worden, dass es für ein mehrstöckiges Spital gereicht hätte.

Politische Lösung wäre nötig

Israel unterstütze den Wiederaufbau im Gazastreifen, lässt die Regierung in Tel Aviv verlauten. Bedingung für eine Aufhebung der Blockade sei aber die Demilitarisierung des Gazastreifens. Die Forderung, die auch von US-Aussenminister John Kerry unterstützt wird, stösst vor Ort aber auf taube Ohren. Die Hamas betrachtet den bewaffneten Kampf weiterhin als einziges wirksames Druckmittel. «Weshalb fordert die Welt von der Hamas die Waffen aufzugeben und lässt gleichzeitig die Besatzungsmacht Israel gewähren?», fragte Hamas-Führer Chalid Maschal in einem CNN-Interview vom Montag.

«Mit Geld alleine wird das Problem nicht gelöst», weiss auch Gershon Baskin vom politischen Think Tank Israel/Palestine Center for Research and Information. «Der Schlüssel zu echter Entwicklung ist eine politische Lösung des Nahostkonflikts», so der Experte gegenüber Al Jazeera.

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