Die Wiesen, Hänge und Felsen strahlen hier wie das Sün­neli von SVP-Plakaten. Das Frühstücksbuffet des Hotels Walliser Alpentherme ist reichhaltig. Betreut wird es von Tschechinnen und Slowakinnen hinter Schutzmasken. Sie agieren wie echte Gastgeberinnen, jeder Gästewunsch wird erfüllt: Schweizer Qualität dank Ausländerinnen.

Eine davon ist Zuzana (Name geändert). Gekommen ist sie wie Tausende andere auch, dank der Personenfreizügigkeit der Schweiz mit dem EU-Land Tschechien. Sie lebt seit zwei Jahren hier und hat einen Freund. Früher war das nicht so einfach. Jede ausländische Angestellte musste eine Bewilligung erhalten und der Kanton beim Bund ein Kontingent beantragen. Das Recht, zu arbeiten, galt nur für eine Saison. Dann mussten sie abreisen, um für die nächste Saison zurückzukehren. Ein Recht, hier zu bleiben, erhielt man erst nach Jahren Arbeit in diesem Land.

Beamten statt Wirtschaft

Zu diesem Zustand will die SVP zurück­kehren. Sie will die Einwanderung von Beamten steuern lassen – mittels Kontingenten, die in Bern entschieden werden. Heute entscheidet die Wirtschaft darüber: Stellt eine Firma den Arbeitsvertrag aus, darf die EU-Person einwandern und bleiben, solange sie arbeitet.

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Zuzanas Berufskolleginnen stammen aus Italien und Portugal. Schweizerinnen und Schweizer sieht man praktisch nicht in Leukerbad im Gästekontakt, ausser bei Seilbahnen.

Also: Wie wichtig sind Ausländerinnen und Ausländer für die Wirtschaft?

Bergtourismus lehnt SVP-Initiative ab

«Ohne ausländische Arbeitnehmende hätten Tourismusbetriebe keine Chance», sagt der Gemeindepräsident Leukerbads, Christian Grichting, ein 53-jähriger Wal­liser. Die Gastrobranche, die Hotellerie, die Bäder und die Handwerker, «sie alle greifen grossenteils auf ausländische Arbeitnehmende zurück». Dies gelte auch für Zermatt, Saas-Fee und andere Destinationen. Der Ausländeranteil im Gastgewerbe beträgt 44 Prozent, Tendenz steigend. Der Service interessiere die allermeisten Schweizer nicht. «Die gehen lieber studieren», sagt Grichting. Was Inländer abschrecke, seien die Arbeitszeiten, die Wochen­end- und ­Ferienarbeit, «sowie teilweise die Entlohnung». Diese bewegt sich am Minimum des Gesamtarbeitsvertrages, 3470 Franken brutto für Ungelernte.

Darum geht es bei der Volksinitiative

Im Falle eines Ja an der Urne am 27. September zur SVP-Volksinitiative müsste die Schweiz das Abkommen mit der EU zur Personenfreizügigkeit innert einem Jahr kündigen. Als Folge würden sieben bilaterale Abkommen fallen, darunter jenes zum Luftverkehr. Die Schweiz wäre für die EU ein Drittland. Die Beziehungen würden sich abkühlen.

Man sei froh um die Einwanderer. Ein Teil ­lasse sich mit der Zeit einbürgern und beteilige sich am Dorfleben. Probleme mit Ausländern gebe es fast nie. Wenn, dann höre man «aus dem Unterland» Storys, «etwa aus Martigny, Sion und Monthey». Der Ruf der Ausländer werde durch «einige wenige beschädigt, die neben dem Rad drehen», ärgert sich Grichting. Die Volksinitiative lehnt er ab: «Der Bergtourismus hat kein Verständnis für die Kün­digung der Personenfreizügigkeit

Der Walliser Arbeitsmarkt ist im Sommer fast ausgetrocknet: 3,4 Prozent Arbeitslose. In der Gastrobranche sind es etwas mehr. Auf 14'000 Vollzeitstellen kamen im Juni 990 Arbeitslose – coronabedingt. Ein Jahr zuvor waren es bloss 500, was saisonale Vollbeschäftigung bedeutet. Die Hotels und Restaurants müssen wegen des Inländervorrangs dennoch zuerst die Daten der ­Arbeitslosenämter konsultieren, bevor sie ausländische Fachkräfte anstellen.

Das Tal floriert und braucht Ausländer

Im Tal ist es nicht anders. Beispiel Visp: Dort arbeiten im Gewerbe und in der Industrie viele Personen aus dem Ausland. Laut Statistik sind es gesamtschweizerisch 31 Prozent, auch hier Tendenz steigend. In Visp ist Lonza der wichtigste Arbeitgeber. Bei ihr beträgt der Ausländeranteil bloss 21 Prozent, am meisten Deutsche. Jeder siebte stammt aus Österreich, Frankreich und Italien, jeder Dritte aus dem übrigen Europa. Typi­scher­weise arbeiten sie als Biotechnologinnen, Ingenieure, Laborantinnen oder Chemiker.

«Ohne die Personenfreizügigkeit hätten wir keine Chance, uns zu entwickeln.»

­Niklaus Furger, Gemeindepräsident von Visp

Lonza erwartet grosse Probleme, sollte die Personenfreizügigkeit fallen und ein Kontingentsystem eingeführt werden, wie es der SVP vorschwebt. «Wir kennen die Hürden dieses Systems im Kontext der Rekrutierungen aus Drittstaaten. Da gilt das System schon heute. Eine Rekrutierung dauert in diesem Fall eineinhalb Mal länger im Vergleich zu Rekrutierungen aus dem EU-Raum», sagt ein Sprecher.

Noch länger dauerts, wenn das Walliser Kontingent ausgeschöpft ist. In diesem Fall muss der Kanton in Bern ein Zusatzkontingent beantragen. «Dann dauert es gar doppelt so lange im Vergleich zu einer normalen Anstellung aus dem EU-Raum», so Lonza. Trotz Inländervorrang für Arbeitslose sei das lokale Arbeitslosenamt keine Hilfe. «Hochqualifizierte im Bereich der Naturwissenschaften oder Engineering sind lokal selten zu finden.» Das zeigen die Zahlen: Im Wallis waren im Juli 99 Naturwissenschafter arbeitslos gemeldet, vor Covid-19 nur 64.

Grosser Aufwand für Spezialisten-Suche

Lonza entwickelt zurzeit einen Covid-19-­Impfstoff im Auftrag der Firma Moderna. Eine Produktionslinie ist im Aufbau und könnte im Februar starten. «Lonza mit ihren 3500 Stellen ist stark am Wachsen und sucht Hunderte von Arbeitskräften. Da im Wallis und in der Schweiz nicht genügend Fachkräfte gefunden werden, müssen sie im Ausland rekrutiert werden», sagt ­Niklaus Furger, Gemeindepräsident von Visp. Der Aufwand für die Suche nach Spezialisten im Tal sei enorm. Spitäler, KMU, die Industrie, der Tourismus – sie alle suchten. «Ohne die Personenfreizügigkeit hätten wir keine Chance, uns zu entwickeln. Ein Ja zur SVP-Initiative wäre verheerend.»

«Es gilt, jährlich Hunderte von Stellen zu besetzen.»

­Niklaus Furger, Gemeindepräsident von Visp

Von Klagen, dass ältere inländische ­Arbeitnehmer durch «billige» Ausländer ersetzt worden wären, habe er noch nie gehört, sagt Furger. «Das Gegenteil ist der Fall: Die Babyboomer-Generation geht in Pension – und es gilt, jährlich Hunderte von Stellen zu besetzen.» Gerade Lonza sei damit konfrontiert. Sie halte ihre «älteren Arbeitnehmer bis zur Pension im Betrieb».

Visp hat 8000 Einwohner und über 9000 Arbeitsplätze. Probleme mit erwerbstätigen Ausländerinnen und Ausländern habe es praktisch nie gegeben, so der Präsident. «Im Gegenteil, sie sind für uns wertvolle Angestellte.» Etliche werden auch hier mit der Zeit eingebürgert: Inte­gration als Tra­dition. «Mitte des letzten Jahrhunderts kamen viele Schweizerinnen und Schweizer zu uns wegen Lonza, sogenannte Üsserschwyzer. Die meisten haben bei uns eine neue Heimat gefunden», sagt Furger. Das Gleiche passiere jetzt den Ausländern.

«Sie haben einen Grossteil der Infrastruktur mitgebaut»

Von Tradition spricht auch Gian-Luca Lardi, Tessiner aus Rovero und Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes. «Das begann in den Fünfzigern und Sechzigern. Zuerst kamen Italiener, später Spanier, Portugiesen und Ex-Jugoslawen. Sie haben einen Grossteil der Infrastruktur mitgebaut», sagt der frühere Tunnelbauer.

Die Debatte um die Personenfreizügigkeit nennt er eine «Scheindebatte», denn die Schweiz kontrolliere die Zahl der Einwandernden schon heute, und zwar durch die Wirtschaft, denn ein EU-Bürger erhalte das Bleiberecht nur über einen Jobvertrag.

Von jeher rekrutiere man unter jungen Inländern, doch die Nachfrage bleibe ungedeckt. Am Geld liege es nicht. «Wir zahlen die höchsten, durch einen Gesamt­arbeitsvertrag garantierten gewerblichen Löhne», sagt Lardi. Knapp 5000 Franken erhalten Lehrabgänger. Das Problem sei ein Jahrzehnte alter Mangel an Fachleuten. Im Wallis kamen vor Corona 200 Arbeitslose auf 5100 Vollzeitstellen im Bau.

Vom traditionellen Mangel an Spezialistinnen und Spezialisten spricht auch die Immobilienbranche. Sie weist den schweizweit zweithöchsten Ausländeranteil auf: 36 Prozent, 7 Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. Ein Beispiel ist die Genfer Firma ISS, die von Genf bis St. Gallen Facility Management betreibt, darunter Hauswartung, Reinigung, Recycling, Unterhalt, Concierge, ­Sicherheits- und Energiemanagement. Sie sucht sowohl nach Ingenieuren wie auch nach Reinigungskräften. 12'740 Mitarbeitende aus 116 Ländern arbeiten für ISS, davon 6 Prozent Grenzgänger. Man rekrutiere regelmässig in Nordeuropa, sofern keine Inländerinnen und Inländer zu finden seien, sagt eine Sprecherin. Auch ISS fürchtet den Fall der Personenfreizügigkeit: «Es würde die Rekrutierung erschweren.»

Bloss 71 arbeitslose Polymechaniker

Der Mangel an Inländerinnen und Inländern zieht sich durch viele Branchen. Dieses Bild komplettiert Paul Oertli, Patron der Oertli Werkzeuge AG in Höri bei Bülach. Die Hälfte der Belegschaft sind dort Ausländer, vor allem Deutsche. Die Exportfirma gibt es seit neunzig Jahren. Mit 220 Mitarbeitenden stellt sie Anlagen zur Produktion von Holzfenstern für Europa her. Man habe viele Grenzgänger, so Oertli, weil die Fabrik zehn Kilometer von der Grenze entfernt liege. Dies sei schon vor der Personenfreizügigkeit so gewesen. Doch vom Kontingentregime, wie es vor 2004 auch für Grenzgänger bestanden hat, hält er nicht viel. «Das Prozedere war äusserst aufwendig. Die Personenfreizügigkeit ermöglicht unbürokratisch die Anwerbung qualifizierter Leute», sagt Oertli.

 

Eine Zuweisung inländischer Arbeitsloser des RAV sei der Firma keine Hilfe. Das Reservoir der Schweiz sei leer. Dies zeigen auch hier die Zahlen: Im Kanton Zürich kamen vor Corona 71 arbeitslose Polymechaniker auf 13 000 Stellen im Maschinenbau. Oertli erinnert sich an die achtziger Jahre: «Es herrschte Vollbeschäftigung. Wir stellten Leute aus Ita­lien, Jugoslawien und der Türkei an. Zum Teil mussten wir etwa Metzger oder Krankenpfleger zu Mechanikern umbilden – mit den heutigen Anforderungen undenkbar.»

Anlagenbau sei heute ein «People’s business», vergleichbar mit einem Dienstleistungsbetrieb, sagt Oertli. Gute Leute zu haben, sei überlebensnotwendig. «Die sind heute alle bei uns in Höri.» Er hofft, dass die Initiative bachab geschickt wird. «Für mich wäre es ein Rückschritt der Schweiz in die Isolation, ins wirtschaftliche Mittelalter. Unser Image wäre im Ausland stark beschädigt», so der Patron.

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