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Gesetz sturmreif rocken, Millionen abkassieren

Gesetz sturmreif rocken, Millionen abkassieren
Stefanie Heinzmann, SMA 2009: Mit Hilfe populärer Künstler poliert die Musikindustrie ihr angeschlagenes Image auf. (Bild: Key)

Erstmals überträgt das Schweizer Fernsehen den höchsten Schweizer Musikpreis Swiss Music Award. Der Anlass ist Teil einer sorgfältig geplanten Strategie der Musikindustrie.

Von Christian Bütikofer
2012-02-29

Schillerndes Hollywood-Ambiente im Schiffbau Zürich. Das sollen die exklusiv Geladenen am Freitag Abend in ihren Cocktailkleidern und Smokings während dem «Höhepunkt der Schweizer Popmusik» auf den ausgerollten roten Teppich zaubern.

Bei den Swiss Music  Awards 2012 (SMA) greifen die besten Künstler in zehn Kategorien bereits zum fünften Mal nach der höchsten Auszeichnung der Schweizer Musikszene.

Doch auch Normalsterbliche kommen auf ihre Kosten. «Das Beste aus der Schweizer Musikszene» flimmert in die hiesigen Stuben – erstmals ist das Schweizer Fernsehen ganz nah dabei. Seit Tagen wirbt SRF zur Primetime für den Event. Prominent platziert: Das violette Logo des mächtigen Schweizer Produzentenverbands der Musikindustrie Ifpi Schweiz. Die Musikmultis Universal, Sony, Warner und Emi unter Führung von Ifpi-Präsident Ivo Sacchi sind der eigentliche Motor dieser Show.

«Glamouröse Aftershowparty»

Um handfeste Wirtschaftsinteressen wird es auch am Freitagabend gehen. Wenn Herr und Frau Schweizer nach der «spektakulären Preisverleihung» erschöpft ins Bett fallen, gehts vor Ort im Schiffbau während der «glamourösen Aftershowparty» erst richtig ans Eingemachte: Hinter den Kulissen dürften sich die Ifpi-Getreuen dann in ruhigen Zonen der Einflussnahme auf die Schweizer Wirtschafts- und Kulturpolitik widmen.

Das war bereits in der Vergangenheit der SMA so. Bei ihrer dritten Austragung 2010 sollte ein Künstler erstmals für sein Lebenswerk geehrt werden (den «Outstanding Achievement Award»). Die Plattenbosse hatten eine klare Vorstellung, wer dafür geeignet ist und wer nicht. Sie stellten sich kurz die Frage, «ob man beispielsweise Hanery Amman (hat für Polo Hofer «Alperose» geschrieben) einen Preis für sein Lebenswerk überreichen will. Der Vorstand spricht sich einstimmig dagegen aus: In diesem Zusammenhang stellt sich eher die Frage, ob nicht Yello speziell geehrt werden soll. […]»

So kam es denn auch. Wie in einem Ifpi-Vorstandsprotokoll dokumentiert, das handelszeitung.ch vorliegt, hatten Hanery Amman und seine  «Alperose» keinen Stich gegen die Elektropäpste von Welt. 2006 wurde Hanerys Lied vom Schweizer Fernsehpublikum 2006 zum Grössten Schweizer Hit gewählt. «Executive Producer» der SMA ist Oliver Rosa, der zwischen 2005 und 2007 für Warner Music Switzerland im Ifpi-Vorstand sass - und damit im innersten Zirkel der Schweizer Musikindustrie. Dann gründete er ein Büro und widmete sich dem «Artist Management» - unter anderem für Yello. 

Anstossen mit «Opinion Leaders»

Nicht nur bedeutende Musiker werden an den Swiss Music Awards gekürt. Auch Politiker aus Bundesbern hofierte man an der Show - mit einem Ex-Ifpi-Vorstand und heutigen Lobbyisten.

Begehrt sind dabei Politiker mit Sitz in der Rechtskommission, der parlamentarischen Gruppe Musik, Bildung und Kultur, und ganz wichtig: «Opinion Leaders», also häufig in den Medien anzutreffende «Meinungsführer».

Die Parlamentarier sollten ganz speziell die Möglichkeit haben, in aller Ruhe mit dem Vorstand der Ifpi «anzustossen», heisst es in den Dokumenten. Der Ifpi-Lobbyist sollte die Parlamentarier entsprechend «betreuen».

8 Millionen Franken pro Jahr...

Die Spezialbehandlung für National- und Ständeräte mit Start ab den Swiss Music Awards 2010 durch die Ifpi hängt mit einem zentralen Ziel des Verbandes zusammen: Die Musikbosse streben mit aller Macht eine Veränderung des Artikels 60, Absatz 2 des Bundesgesetzes über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (URG) an.

Der Grund für die angestrebte Gesetzsänderung ist einfach: Während die Einnahmen der Musikindustrie aus CD-Verkäufen stagnieren oder gar zurückgehen, verdreifachten sich die Gelder innert weniger Jahre, die Ifpi dank diesem Gesetzesartikel über so genannte «Zweitnutzungsrechte» einstreicht.

Fürs Einkassieren dieser Beträge ist die Swissperform zuständig, eine Verwertungsgesellschaft wie die bekanntere Suisa: Wer im Handel eine CD kauft, hat zwar das Recht, sie privat anzuhören. Damit ist aber eine Zweitnutzung wie beispielsweise das Erstellen einer Kopie auf eine leere CD noch nicht vergütet. Diese Gelder sammelt die Swissperform ein und verteilt sie an die Berechtigten, unter anderem die Ifpi, die dann wiederum die Gelder an ihre 31 Mitglieder verteilt. Die Majors erhielten in der Vergangenheit 80 Prozent der Einnahmen, die kleinen unabhängigen Produzenten, die so genannten «Indys», mussten sich mit 20 Prozent des Kuchens begnügen.

Die Swissperform ist eine junge Gesellschaft, doch deren Sammelaktivitäten schenkten für ihre Mitglieder schon nach kurzer Zeit ein. Nach der Gründung 1993 kassierte das Swissperform-Mitglied Ifpi für die Jahre 1993 bis 1995 2,9 Millionen Franken ein. 2007 belief sich der Betrag auf rund 7,5 Millionen, zwei Jahre später waren es bereits 8,7 Millionen Franken, zeigen Dokumente, die handelszeitung.ch vorliegen.

... «nachhaltig und langfristig steigern»

2009 beschloss die Ifpi-Spitze, diese Einnahmequelle im Hinblick auf sinkende CD-Tantiemen «nachhaltig und langfristig zu steigern». Da die Verdienstobergrenze dieser Einnahmen im Artikel 60, Absatz 2 des URG aber bei 3 Prozent gedeckelt ist, muss diese Grenze fallen. Dazu brauchts die Volksvertreter in Bern, welche die gewünschte Gesetzesänderung durchboxen sollen.

Ein schwieriges Unterfangen. Denn die Suisa, Nutzerverbände und TV-Sender - darunter auch das Schwergewicht SRF - befürchten, dass die Abschaffung dieser 3-Prozent-Hürde alles verteuern wird. Da jedoch diese Player auch in der Swissperform vertreten sind, brauchte die Ifpi wie in Bundesbern auch hier Verbündete, um die Mehrheit in der Verwertungsgesellschaft Swissperform zu überzeugen, dass die Tarife über die Grenze von 3 Prozent gehoben werden müssen.

In der Schweizer Interpretengenossenschaft (SIG) fand die Ifpi den gewünschten Partner. Die SIG vertritt die Interpreten, also Sänger, oder Musiker, die Kompositionen aufführen oder auf Tonträger einspielen und schaut, dass sie für ihre Arbeit zu Geld kommen.

Heute Verbündeter, früher garstiger Nebenbuhler

Der Schulterschluss mit SIG entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn noch 2001 liess es die SIG heftig krachen - alle Involvierten schafften es aber bis heute, dass diese Dissonanzen intern blieben, gegen aussen drang kein Tönchen ans Publikum.

Fakt ist aber: Die heute verbündete Genossenschaft SIG warf Ifpi noch vor wenigen Jahren vor, es bestünde «keine Transparenz hinsichtlich der von Ifpi geleisteten Arbeit, über Zahlungen und sämtliche Finanzen, es läge eine unprofessionelle Handhabung der Aufgaben und der Gelderverwaltung/-verwendung vor, es fehlten Gelegenheiten der Einsichtnahme, verschiedene Rechnungen seien unklar, Überweisungen erfolgten verzögert.»

Kampf bis vor die Anwaltskammer

Den massiven Vorwürfen liess die SIG Taten folgen: Sie deponierte eine Aufsichtsbeschwerde gegen den damaligen Geschäftsführer der Ifpi bei der Kommission über die Aufsicht der Rechtsanwälte im Kanton Zürich und sperrte gleich noch Konten. Der Angeschuldigte musste sich an allen Fronten wehren, «ausserordentliche» Kosten über 51‘000 Franken waren die Folge. Bei Ifpi vermutete man, Grund für die «massive Kritik könnte die Tatsache sein, dass Ifpi Schweiz seit Anfang 1999 die Internetpirateriebekämpfung durchführt, ein Gebiet, das die SIG für sich hatte reservieren wollen». Ein weiterer vermuteter Grund: Der Angeschossene «hat innerhalb der Swissperform von Anfang an gegen den Widerstand der Interpreten immer auf mehr Transparenz zugunsten der Tonträgerproduzenten gedrängt - allerdings erfolglos».

Katastrophe für die eigenen Mitglieder

Die SIG-Aktionen erwiesen sich als glatter Schuss ins Bein. Die Genossenschaft verlor auf ganzer Linie, musste der Ifpi sogar noch einen happigen Betrag nachzahlen. Zusätzlich kündigte die Ifpi einen bestehenden Vertrag und setzte einen neuen auf, was deutlich schlechtere Konditionen für die SIG und ihre Mitglieder (heute über 3500) mit sich brachte – mit Folgen bis heute, sie bekommen letztlich weniger Tantiemen vom heissumkämpften Kuchen.

Mit diesem Juniorpartner, der 2010 die SMA mit 20‘000 Franken unterstützte, schaffte es die Ifpi also, die Swissperform-Mitglieder für die Sprengung des 3-Prozent-Deckels zu gewinnen. Kommt Swissperform mit diesem Anliegen vor den zuständigen Kommissionen und Gerichten nicht durch – was nicht unwahrscheinlich ist, Ende 2010 setzte es eine erste Schlappe ab –, nimmt die Ifpi eine Gesetzesrevision in Angriff. Dazu wird schon heute in der Berner Wandelhalle lobbyiert.

Euphorische Stimmung

Die Bedeutung der Swiss Music Awards für die Grossen der Ifpi als PR- und Verkaufsvehikel ist enorm. Das zeigen allein die Summen, die Ifpi in der Vergangenheit für den Event aufwarf – und welche Auswirkungen die Sieger auf die Musikverkäufe der Majors haben.

Die Premiere 2008 bewertete Ifpi als Erfolg, «die Stimmung vor Ort war euphorisch». Nicht weniger begeistert waren die Majors über die wirtschaftlichen Nebeneffekte: «Artist Profile konnten gestärkt und Abverkäufe gefördert werden und die Ifpi bzw. die Musikindustrie erfuhr eine Imageverbesserung». Die SMA 2008 kosteten etwa 430‘000 Franken, das Defizit betrug überschaubare 20‘000 Franken.

Ein Jahr später explodierten die Kosten auf knapp 820‘000 Franken, das Defizit für Ifpi betrug um die 241‘000 Franken. Und dies, obwohl Pro7 Schweiz den Event übertrug und die SMA damit «für die Sponsoren interessanter gemacht» hatte.

Explodierende Kosten

Das Defizit der SMA 2010 erklomm indes ungeahnte Höhen: knapp 370‘000 Franken - auf 400'000 Franken belief sich die von Ifpi gewährte Defizitgarantie. Gerechnet hatten die Vorstände jedoch mit einem Minus von 330‘000 Franken. Die Finanzen drohten dem Produzenten der Live-Show, dem Ex-Warner-Music-Schweiz-Boss und -Ifpi-Vorstand Oliver Rosa, aus dem Ruder zu laufen.

Wieder wurden zwar die «Abverkäufe gefördert», doch über die Kostenexplosion waren die Ifpi-Vorstände ganz und gar nicht erbaut: «Die Vorstandsmitglieder erwarten von Oliver Rosa in Zukunft ein Budget, das Vergleiche mit dem Vorjahr zulässt und hält nochmals fest, dass das Budget für die SMA 2011 1 Mio. nicht übersteigen sollte. Es muss alles unternommen werden, um die Kosten zu senken und um die Einnahmen zu steigern (neue Sponsoren, SMS Voting etc). I. Sacchi wird Haldimann auf eine Kostenbeteiligung von SF ansprechen.»

Ueli Haldimann war bis Ende 2010 Direktor des Schweizer Fernsehens. Dieses Jahr spielen die Swiss Music Awards in der nationalen TV-Topliga. Ifpi-Präsident Ivo Sacchis Truppe lieferte ein wahres Meisterstück ab.

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