Nach der von Gewalt überschatteten Stichwahl um das Präsidentenamt droht Afghanistan ein wochenlanges politisches Vakuum. Während Ex-Außenminister Abdullah Abdullah die Angaben der Wahlkommission zum Verlauf der Abstimmung anzweifelte, reklamierte sein Gegenkandidat, der frühere Weltbank-Experte und Ex-Finanzminister Aschraf Ghani, bereits den Sieg für sich. Ein vorläufiges Ergebnis soll indes frühestens Anfang Juli vorliegen.

Die Behörden meldeten derweil schwere Zwischenfälle. Zahlreiche Menschen wurden demnach am Wahltag getötet oder misshandelt. Die radikal-islamischen Taliban hatten damit gedroht, die Abstimmung, die den ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes markieren soll, mit Angriffen zu verhindern.

Taliban wollten die Wahlen behindern

Der Wahltag in Afghanistan hat mit mindestens 238 Toten deutlich mehr Opfer gefordert als zunächst bekannt. Das Verteidigungsministerium in Kabul teilte am Sonntag mit, am Vortag seien 176 Aufständische, 33 Zivilisten und 18 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden.

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Unter den getöteten Zivilisten waren demnach auch drei Mitarbeiter der Wahlkommission und zwei Beobachter aus Abdullahs Stab. Taliban-Extremisten hackten elf Menschen die Finger ab als Strafe für die Teilnahme an der Wahl, die die Extremisten als Täuschungsinszenierung der USA ablehnen. Das Innenministerium zählte insgesamt Hunderte Angriffe. Dabei wurden auch Sprengsätze und Raketen eingesetzt.

Behörden melden hohe Wahlbeteiligung

Dennoch wagten sich nach Angaben von Wahlkommissionschef Ahmed Jusuf Nuristani am Samstag mehr als sieben Millionen der zwölf Millionen Wahlberechtigten in die Stimmlokale. Abdullah zweifelte dies jedoch an. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Zahl richtig sei, sagte er. Bereits im Vorfeld hatten er und Ghani den Wahlorganisatoren wiederholt vorgeworfen, unfähig und parteiisch zu sein. Nach Schließung der Wahllokale sagte Ghani, er habe offenbar gewonnen. Er berief sich dabei auf eigene Schätzungen. In der ersten Runde Anfang April hatte er 14 Punkte weniger Stimmen erhalten als Abdullah, der auf 45 Prozent kam. Für einen Sieg hätte dieser jedoch mehr als 50 Prozent benötigt.

Bei der Stichwahl galt Abdullah dennoch als Favorit. Doch wer letztendlich das Rennen machte, lässt sich nicht prognostizieren. Umfragen lagen nicht vor. Vorläufige Ergebnisse sollen am 2. Juli bekanntgegeben werden. Mitte Juli will die Beschwerdekommission ihren Abschlussbericht vorlegen. Am 22. Juli soll dann feststehen, wer neuer Präsident Afghanistans wird.

Kommt es zu irakischen Zuständen?

Sollte das Ergebnis knapp ausfallen und Betrugsvorwürfe laut werden, schließen Beobachter nicht aus, dass es zu einem politischen Stillstand und erbitterten Machtkampf mit ethnischen Zügen kommen könnte. Ghani ist Paschtune, Abdullah steht der tadschikischen Minderheit näher. Als mahnendes Beispiel dient der Irak, in dem sunnitische Islamisten die Kontrolle über Teile des von einer schiitischen Regierung geführten Landes übernommen haben. Allerdings verlaufen die Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen in Afghanistan nicht so tief wie im Irak.

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Auch der Abschluss eines Sicherheitspakts mit den USA würde sich bei einer Verzögerung des Ergebnisses weiter in den Länge ziehen. Dabei drängt die Zeit, denn bis Ende des Jahres wollen sich die internationalen Truppen weitgehend aus Afghanistan zurückziehen. Zahlreiche Anschläge haben Sorgen geschürt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte bis dahin nicht in der Lage sein könnten, selbst für Sicherheit zu sorgen.

Das umstrittene Abkommen mit den USA

Die USA wollen zwar bis 2016 noch knapp 10'000 Soldaten im Land stationiert lassen, um etwa Sicherheitskräfte auszubilden. Doch dazu ist aus ihrer Sicht das bilaterale Abkommen nötig, das die Bedingungen regeln soll. Der scheidende Präsident Hamid Karsai, der für eine weitere Amtszeit nicht mehr kandidieren durfte, hatte die Unterzeichnung verweigert. Abdullah und Ghani haben ihre Zustimmung zugesagt.

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(reuters/sda/gku)