Nach dem wohl schwersten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei ist es in Istanbul zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Sicherheitskräfte setzten am Mittwochabend Tränengas gegen die Protestierenden ein, die der Regierung eine Mitschuld an der Katastrophe gaben.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wies nach einem Besuch der Unglückszeche Soma Kritik an der Sicherheit in den Bergwerken des Landes zurück. «Explosionen wie diese in solchen Bergwerken passieren andauernd» und nicht nur in der Türkei, sagte er. Energieminister Taner Yildiz gab die Zahl der Todesopfer am Abend mit 245 an. 120 Kumpel seien noch unter Tage eingeschlossen.

«Soma war kein Unfall, es war Mord», war auf einem Transparent von Demonstranten in Istanbul zu lesen. Dort beteiligten sich mehrere Tausend Menschen an dem Protestmarsch. Einige von ihnen trugen Bergarbeiterhelme und Bergwerkslampen. Auch in Ankara ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Studenten vor, die zum Energieministerium marschieren wollten. In Soma forderten Hunderte Menschen den Rücktritt der Regierung. Die Proteste weckten Erinnerungen an die von Gewalt begleiteten Massendemonstrationen gegen Erdogan im Sommer vergangenen Jahres im Zusammenhang mit Plänen für ein Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park.

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Erdogan reagierte abwehrend auf die Kritik. Zur Untermauerung seiner Argumentation zählte er die Grubenunglücke in aller Welt seit 1862 auf. Das bislang schwerste Grubenunglück in der Türkei ereignete sich 1992 in der Provinz Zonguldak am Schwarzen Meer. Damals kamen durch eine Gasexplosion 263 Arbeiter ums Leben.

Kühlhaus dient als Leichenhalle

Ursache der Katastrophe war ein Feuer, das am Dienstagnachmittag die Stromversorgung lahmlegte. Dadurch konnte keine Frischluft mehr in die Schächte gepumpt werden, und die unter Tage auf ihren Schichtwechsel wartenden Kumpel sassen fest, da die Förderkörbe nicht an die Oberfläche gebracht werden konnten. Während es in ersten Berichten hiess, eine Stromanlage sei explodiert und dadurch sei das Feuer ausgebrochen, sagte Mehmet Torun von der Bergwerkskammer, ein nicht mehr aktiver Flöz habe sich erhitzt und Kohlenmonoxid durch die Schächte und Stollen verströmt. Seit der Nacht pumpten die Rettungskräfte Sauerstoff in die Schächte. Torun gab aber zu bedenken, dass eine Kohlenmonoxidvergiftung binnen drei bis fünf Minuten zum Tode führt. Sollten die eingeschlossenen Bergleute sich nicht in irgendwelche Frischluft-Blasen gerettet haben, dürfte wohl keiner von ihnen mehr lebend an die Oberfläche gebracht werden.

Nach Angaben des Bergwerksbetreibers konnten 450 Arbeiter gerettet werden. Vor der Notaufnahme des Krankenhauses warteten Angehörige auf Nachrichten. «Es sind schon so lange keine Krankenwagen mehr reingefahren, dass wir langsam alle Hoffnungen aufgeben», sagte die 43-jährige Hatice Ersoy, die auf dem Gehweg kauerte. Psychologen wurden nach Soma gebracht, um den Angehörigen Beistand zu leisten. Bereitschaftspolizisten riegelten den Eingang zur Grube ab, damit die verzweifelten Familien und Kumpel nicht die Rettungsarbeiten behinderten. Ein Kühlhaus, in dem sonst Lebensmittel gelagert werden, diente als Leichenhalle. Auch in Kühllastern lagen Tote.

Opposition bemängelt Sicherheitsvorkehrungen

Das Arbeitsministerium hatte am späten Dienstagabend mitgeteilt, es habe die Sicherheit in der Kohlegrube regelmässig kontrolliert, zuletzt im März. Es habe keine Unregelmässigkeiten gegeben. Doch der Oppositionspolitiker Hursit Günes sagte, ein Antrag seiner Republikanischen Volkspartei auf einen Untersuchungsausschuss zu Sicherheit und Arbeitsbedingungen in den früher staatlichen Gruben um Soma sei von Erdogans AKP abgeschmettert worden. Die Regierung sei gewarnt gewesen und habe nichts unternommen, sagte Günes zu Reuters. «Es herrscht eine unglaubliche Lethargie bei dem Thema.»

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Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO nahm die Türkei, die EU-Mitglied werden will, 2012 in Europa den Spitzenplatz bei tödlichen Arbeitsunfällen ein. Weltweit lag sie auf Platz drei. Allein zwischen 2002 und 2012 kamen in dem Land mehr als 1000 Bergleute bei Grubenunglücken ums Leben.

(reuters/chb)