1. Home
  2. Politik
  3. Gold-Initiative: Wie sie uns in die Irre führt

Kommentar
Gold-Initiative: Wie sie uns in die Irre führt

Goldvreneli: Schweizer Reserven bestünden nur noch aus Gold.   Keystone

Humbug entsteht fast zwangsläufig, wenn Politiker sich moralisch verpflichtet fühlen, die Schweiz zu retten. So auch bei der Gold-Initiative.

Von Armin Müller
am 06.11.2014

Der amerikanische Philosoph Harry Gordon Frankfurt stellte in seinem Bestseller «On Bullshit» fest, dass Politik und PR besonders anfällig dafür sind, Humbug («Bullshit») zu produzieren. Humbug hat bei genauerer Prüfung nichts mit der Realität zu tun, aber er tönt gut und führt uns leicht in die Irre. Er entsteht fast zwangsläufig, wenn sich Politiker moralisch verpflichtet fühlen, die Welt oder die Schweiz zu retten, und dabei über Dinge sprechen, von denen sie nicht viel verstehen.

Das Widerlegen von Humbug braucht viel mehr Energie als seine Produktion
Für alle, die etwas von der Sache verstehen, ist der Humbug aber so offensichtlich, dass sie eine Widerlegung nicht für nötig erachten. Wenn sie es dennoch tun, steigt ihr Aufwand jedoch dramatisch. Denn sie wissen meist gar nicht, wo anfangen, um all die Irrtümer, Fehlinterpretationen und Widersprüche auszuräumen.

Mit den Meinungsumfragen kommen die Warner

Das Unverständnis der Humbug-Produzenten zwingt sie, bei Adam und Eva zu beginnen und längst widerlegte Thesen ­erneut zu widerlegen. Das Widerlegen von Humbug braucht unendlich viel mehr Energie als seine Produktion, wie der italienische IT-Berater Alberto Brandolini das Problem kürzlich auf den Punkt brachte.

Das erklärt auch, warum sich die Schweizerische Nationalbank und die meisten Ökonomen bis vor kurzem mit Stellungnahmen zur Gold-Initiative zurückgehalten haben, über die das Schweizervolk am 30. November abstimmen darf. Erst seit die Meinungsumfragen eine erstaunlich hohe Zustimmung signalisieren, fühlen sie sich zum Widerspruch herausgefordert.

Eine Reserve, die keine mehr ist

Meinungsumfragen funktionieren oft als Humbug-Verstärker. Per Telefon werden Leute zu ihren Abstimmungsabsichten befragt, zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch keine Ahnung vom Inhalt haben und nur den Namen der Initiative kennen. «Rettet unser Schweizer Gold» – wer könnte denn dagegen sein? Mit vier stark positiv besetzten Begriffen verpackt man Humbug in eine Werbebotschaft. Weil das Widerlegen von Humbug aber unendlich viel mehr Energie benötigt als seine Produktion, sollten sich die Gegner der Gold-Initiative auf ein, höchstens zwei Argumente fokussieren.

Zum Beispiel auf das Verbot von Goldverkäufen. Die Turbulenzen der Euro-Krise mit der massiven Aufwertung des Frankens haben gezeigt, dass die Nationalbank in der Lage sein muss, ihre Bilanz schnell anzupassen, um eine für das Land geeignete Geld- und Währungspolitik umzusetzen. Wenn sie dabei jedes Mal Gold zukaufen muss, bestehen ihre Währungsreserven mit der Zeit weitgehend nur noch aus Gold. Eine Reserve, die im Bedarfsfall nicht verkauft werden kann, ist aber keine Reserve mehr.

Gold-Initiative als Einladung an die Spekulanten

Das zweite Argument: Die Gold-Initiative verspricht im Falle einer Annahme massive Gewinne für Goldspekulanten, wie der Zürcher Wirtschaftsprofessor Urs Birchler in seinem Batz-Blog aufzeigt. Humbug als solchen zu erkennen, macht nicht immun dagegen, stellte Harry Frankfurt fest. Aber es hilft bei der Entwicklung von Gegenstrategien.

Anzeige