Die hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia stehende Wikimedia-Stiftung hat sich in harschen Worten über das «Recht auf Vergessenwerden» im Internet beklagt, das vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) für richtig befunden wurde. Die Löschung bestimmter Links schaffe «Gedächtnislücken» im Internet, erklärte Stiftungsdirektorin Lila Tretikov am Mittwoch.

Die bisher betroffenen Wikipedia-Artikel hat die Stiftung auf einer Seite veröffentlicht. Aus den aufgeführten Links wird ersichtlich, dass die Löschanträge bei Google unter anderem von verurteilten Verbrechern stammen. In der Google-Suche nicht mehr zu finden ist zum Beispiel der Artikel über eine italienische Verbrecherbande, die in den 70er-Jahren in Mailand aktiv war. Auch der Beitrag über den Kopf der Bande wurde gleich aus der Suche getilgt. Ein ehemals krimineller Ire, der für die grössten zwei bewaffneten Überfälle in der irischen Geschichte verantwortlich gemacht wird, hat sich ebenfalls löschen lassen. Seit seiner Freilassung setzt er sich für benachteiligte Kinder und gegen Drogenkonsum ein.

Wikimedia-Stiftung ist für Informationsfreiheit

Das EuGH-Urteil behindere die weltweiten Möglichkeiten, «korrekte und überprüfbare Informationen über Menschen und Ereignisse zu erhalten», kritisiert Wikipedia. Im Mai erhielten Privatleute ein «Recht auf Vergessenwerden» im Internet. Daher müssen Suchmaschinenbetreiber nun auf Antrag Links aus ihren Suchergebnissen streichen, wenn Angaben auf den verlinkten Seiten die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen verletzen.

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Für Wikipedia sei das Urteil «direkt und problematisch», erklärte Tretikov und sprach von «Link-Zensur». Sie kündigte an, jede Entfernung eines Wikipedia-Links aus Suchmaschinenergebnissen öffentlich zu machen. Die Betreiber von Wikipedia ordnen «das Recht, Informationen zu suchen, zu erhalten und zu übermitteln» anderen Vorbehalten über.

Gegen 50'000 Löschungen vorgenommen

Bis Mitte Juli haben nach Angaben von Google mehr als 91'000 europäische Internetnutzer einen Antrag auf Löschung von unliebsamen Suchergebnissen eingereicht. Insgesamt sei in zwei Monaten die Löschung von 328'000 Links beantragt worden, teilte der US-Internetriese in einem Brief an die EU-Datenschutzkommission mit. Die meisten Anträge seien aus Frankreich (17'500) und Deutschland (16'500) gekommen. 53 Prozent der betroffenen Links seien aus den Google-Suchergebnissen entfernt worden. In der Schweiz gab es 1’645 Gesuche zu 7’085 Adressen.

Die fraglichen Links werden allerdings nur in Europa unsichtbar gemacht. Wer Google ausserhalb von Europa benutzt, bekommt weiter alle Links angezeigt. Der EuGH-Spruch gilt auch für Konkurrenten von Google. 

(lur; mit Material von sda)