Es gibt sie mit verschiedenen Farben und Designs. Doch der Slogan auf den T-Shirts ist immer der gleiche: "Free Akis". Im krisengebeutelten Athen sieht man sie immer wieder, ob im Strassenkaffee, in der U-Bahn oder an der Uni. Ernst gemeint ist der Slogan auf den T-Shirts allerdings nicht. Keiner der Träger hat wohl nur einen Funken Mitleid mit Akis, dem einstigen Polit-Schwergewicht. Fast jeder gönnt dem griechischen Ex-Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos seine Gefängniszelle.

Dabei war der 72-Jährige lange einer der mächtigsten Männer des Landes. Während vierzig Jahren war Tsochatzopoulos eine der prägenden Figuren der griechischen Politik. Als oberster Chef der griechischen Armee blähte er das Budget für die Verteidigung kräftig auf. Laut Schätzungen des Stockholm International Peace Research Institute stieg es von 1995 bis 2001 um ein Drittel auf 8,8 Milliarden Dollar. Bei den Militärausgaben pro Kopf liegt Griechenland noch heute auf dem achten Platz aller Länder. Das liess die Schuldenlast markant ansteigen. Die Folgen davon spürt das Land heute.

Doch nun sitzen Tsochatzopoulos und mehrere Mitbeschuldigte in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft in Athen wirft ihm Geldwäscherei vor. Unter seiner Ägide sollen bei Waffengeschäften Schmiergelder in Millionenhöhe geflossen sein. Allein beim Kauf russischer Abwehrraketen soll der Minister 25 Millionen Euro kassiert haben. In Griechenland kursieren Schätzungen, dass bis zu 2 Milliarden Euro im Umfeld des ehemaligen Ministers versickert sein sollen. Die Schweiz spielte dabei die Rolle einer wichtigen Drehscheibe.

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Steile Karriere eines Emigranten

Um das Geld ins Ausland zu schaffen, soll Tsochatzopoulos ein ganzes Netz von Offshore-Gesellschaften aufgezogen haben. Eine zentrale Rolle nahm dabei die zypriotische Firma Drumilan ein. Ihre Spuren führen in die Schweiz. Auch flossen Gelder aus den Geschäften des Ex-Ministers mutmasslich auf Konten der Schweizer Filialen von Morgan Stanley und Crédit Lyonnais. Griechische Zeitungen nennen auch die UBS als Ziel von Geldern aus dem Umfeld von Tsochatzopoulos. Die griechischen Ermittler interessieren sich daher stark für Unterlagen aus der Schweiz. Sie bekommen nun auch Unterstützung aus Bern. Vor wenigen Tagen hiess das Bundesamt für Justiz das Rechtshilfegesuch aus Athen gut.

Tsochatzopoulos' Aufstieg ist die griechische Version der amerikanischen Tellerwäscher-Karriere. Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen in der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki, wanderte der junge Mann in den 1950er-Jahren nach Deutschland aus und studierte dort Ingenieurwesen. Nach dem Studium blieb er wie viele seiner Generation als Gastarbeiter in Deutschland. In den 1960er-Jahren befand sich seine Heimat im bleiernen Griff der Militärdiktatur. Aus dem Exil unterstützte Tsochatzopoulos die Widerstandsbewegung. Erst nach dem Fall der Junta 1974 kehrte er zurück in die alte Heimat.

Zurück in Athen wurde der ehrgeizige Mann Mitbegründer der sozialistischen Partei Pasok. Sein Aufstieg in der Partei verlief steil. Ab 1981 bekleidete er in verschiedenen Regierungen mehrere Ministerposten. 1996 wäre er sogar fast zum Premierminister gewählt worden. Nur wenige Stimmen fehlten ihm zum höchsten politischen Amt in Griechenland. Als Trostpflaster erhielt er in der neuen Regierung des Kontrahenten Konstantinos Simitis einen einflussreichen Posten. Von 1996 bis 2001 war Tsochatzopoulos Verteidigungsminister, danach bis 2004 noch Entwicklungsminister.

In seine Zeit als Chef der Streitkräfte fallen die beiden Rüstungsgeschäfte, bei denen Schmiergelder geflossen sein sollen. 1999 schaffte sich Griechenland für 800 Millionen Dollar das russische Flugabwehrraketensystem Tor-M-1 an. Die mobilen Systeme des russischen Rüstungskonzerns Almaz/Antei sollen Lenkwaffen oder Flugzeuge abwehren. Rund 25 Kilometer beträgt ihre Reichweite, so das Militärfachmagazin "Jane's". 2000 orderte Griechenland bei der deutschen Werft HDW auch drei Unterseeboote des Typs 214. Später wurde noch ein weiteres neues U-Boot gekauft und zwei ältere Modelle aufgerüstet. Dabei sollen Millionen an Tsochatzopoulos als Verteidigungsminister geflossen sein.

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Es war die grosse Zeit von Tsochatzopoulos. Aus dem armen Emigranten war längst ein Machtmensch und Lebemann geworden. 2004 heiratete er in Paris seine zweite Frau. Für das rauschende Fest war nur das Beste gut genug. Ein weisser Jaguar fuhr das Brautpaar vor der Kirche vor, der Empfang für die geladenen Gäste fand im luxuriösen Hotel "Four Seasons" statt. Für viele griechische Beobachter begann mit diesem Hochzeitsfest aber der schleichende Abstieg des Politikers.

Zwar zählte Tsochatzopoulos noch bis Mitte des letzten Jahres zur Führungsriege der sozialistischen Pasok, doch die ständigen Verdächtigungen nagten an seinem Ruf. Seit dem 11. April 2012 ist der völlig ramponiert. Seit jenem Tag sitzt er in Athen in Untersuchungshaft. Angeklagt wurde er wegen des Verdachts auf Geldwäscherei, nicht wegen passiver Bestechung. Für ehemalige Regierungsmitglieder gelten in Griechenland besonders kurze Verjährungsfristen. Die Staatsanwälte versuchen Tsochatzopoulos nun wegen Geldwäscherei zu überführen. Die Angeklagten bestreiten alle Vorwürfe.

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Seit der Festnahme gelangen immer wieder neue brisante Details ans Licht. Dazu trug Tsochatzopoulos selbst bei. Er notierte sich offenbar alles, was er tat. Bei seiner Verhaftung wurden jedenfalls umfangreiche Dokumente beschlagnahmt. Sie zeigen auf, wie die heiklen Geschäfte abgelaufen sein könnten. Hinweise auf mögliche Vergehen gab es schon lange, unternommen wurde lange nichts. 2004 wurde in Griechenland eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt. Schon damals wurde festgestellt, dass der griechische Ex-Minister über mehrere Offshore-Firmen, unter anderem in Zypern, Gelder in die Schweiz geschleust hatte. Ein Teil der Gelder sei in die Zürcher Filiale von Morgan Stanley und den Genfer Ableger von Crédit Lyonnais geflossen.

Im Dezember 2004 forderte die griechische Untersuchungskommission bei der Bundesanwaltschaft in Bern Rechtshilfe an, um von den vermeintlich involvierten Schweizer Banken Unterlagen zu erhalten. Gegen die Herausgabe der Beweismittel wehrten sich die Mitinhaber der Konten bis vor Bundesgericht. Im Entscheid der obersten Richter vom 20. August 2007 wurden Zahlungen über 21 Millionen Dollar in die Schweiz festgehalten. Dort heisst es, dass "vier Überweisungen zwischen dem 28. September 2000 und dem 2. November 2000 auf zwei Konten der D.Ltd. bei der Bank F. in Z. gutgeschrieben wurden". Im April 2007 entsprach das Bundesgericht dem griechischen Rechtshilfegesuch. Eröffnungsunterlagen, Kontoauszüge, Gutschriften- und Belastungsanzeigen, Korrespondenz- und Kreditkartenauszüge des Kontos wurden an die griechischen Behörden übergeben (HZ vom 24. Mai 2012). Die Beschwerdeführer liessen sich damals von Anwälten der renommierten Zürcher Kanzlei Niederer, Kraft und Frey vertreten.

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Die Zürcher Kanzlei war auch später noch für Personen aus dem Umfeld von Tsochatzopoulos tätig. Nikos Zigras, ein Cousin und laut griechischen Medien eine der wichtigsten Bezugspersonen des Ex-Ministers, ist eine der zentralen Figuren in der Affäre (siehe Kasten). Auch er steht in Athen vor Gericht. Der "Handelszeitung" liegen Dokumente aus einem Schriftverkehr zwischen Niederer, Kraft und Frey und Zigras vor. In den Schreiben aus den Jahren 2009 und 2010 geht es um die Firma Drumilan. Ihr kommt in der Affäre eine besondere Rolle zu. Denn ein grosser Teil der Schmiergelder aus dem Tor-M-1-Geschäft soll über deren Konten geflossen sein, so der Verdacht der Athener Staatsanwaltschaft. Welche Dienstleistung die Zürcher Kanzlei für Drumilan genau erbrachte, lässt sich aus den Dokumenten nicht erschliessen. Die griechische Zeitung "Real News" behauptet, dass Niederer, Kraft und Frey die Konten von Drumilan verwaltet hat. Die Kanzlei will zu dem Thema keine Stellung nehmen.

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Die Dokumente zeigen aber auch, dass es die Griechen mit dem Bezahlen der Schweizer Anwaltsrechnungen nicht allzu genau nahmen. In einem Brief mit dem Betreff "Drumilan Ltd." fordert Niederer, Kraft und Frey den Kunden Nikos Zigras auf, den ausstehenden Betrag rasch zu bezahlen. Die Kanzlei sandte danach mindestens noch eine weitere Zahlungserinnerung an Zigras. Der offene Betrag belief sich zwischenzeitlich auf 34000 Franken, die letzte Forderung aus dem Sommer 2010 betrug 24 000 Franken.

Schweizer Beamten ruhigstellen

Noch ein weiterer Helfer von Tsochatzopoulos pflegte einen regen Austausch mit den Juristen von Niederer, Kraft und Frey. Laut der griechischen Zeitung "Real News" zeichnete Vlassis Cambouroglou für die Athener Niederlassung von Drumilan verantwortlich. Der "Handelszeitung" liegt eine Mail von ihm an seine Zürcher Anwälte vor, die den Betreff "Drumilan" trägt. In der Mail vom 19. August 2009 beklagt er sich über einen besonders motivierten Beamten der Rechtshilfeabteilung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD). Cambouroglou schrieb: "Ich möchte Sie bitten, ihm einen Brief zu schreiben und ihn auf seine Lüge hinzuweisen." Der Beamte soll offenbar angegeben haben, dass er bereits weitere Bankunterlagen an die griechischen Behörden übermittelt habe. Das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Fall. Die Unterlagen befanden sich laut der Mail Cambouroglous noch in der Schweiz und nicht bei den griechischen Behörden.

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Cambouroglou forderte daher seine Schweizer Anwälte auf, zu verhindern, dass weitere, möglicherweise belastende Dokumente nach Griechenland gingen. Schon davor stellten sich Anwälte in einem Schreiben an das EJPD auf den Standpunkt, dass Schweizer Behörden im Rahmen der bestehenden Rechtshilfe keine Bankunterlagen nach Griechenland senden dürfen, da dort kein Strafverfahren in dieser Sache pendent sei.

In Griechenland lässt man in dieser Affäre keinen Stein auf dem anderen. Zu bedeutend ist der Fall für die Öffentlichkeit. Und die griechischen Ermittlungsbehörden interessieren sich nach wie vor für die Machenschaften des Ex-Ministers und seiner Helfer in der Schweiz. Laut dem Bundesamt für Justiz wurde ein griechisches Rechtshilfegesuch erst wegen formaler Mängel zurückgewiesen. Offenbar verlangten die griechischen Behörden pauschal Auskunft über alle Konten der involvierten Offshore-Firmen, heisst es aus unterrichteten Quellen. Am 13. Juli ging nun aber in Bern ein formelles Gesuch ein, das am 16. Juli an die Bundesanwaltschaft zum Vollzug delegiert wurde, wie das Bundesamt für Justiz bestätigt.

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Mitwisser wenden sich ab

Noch letztes Jahr träumte Tsochatzopoulos davon, seine politische Karriere neu zu lancieren. Daraus wird kaum mehr etwas. Denn sein Umfeld wendet sich vom einstigen Politstar ab. Seine ehemalige rechte Hand Zigras begann in den letzten Tagen damit, gegen den Ex-Minister auszusagen und vermeintliche Mitwisser anzuschwärzen, wie griechische Medien berichten. Und sogar Tsochatzopoulos' Tochter, gegen die ebenfalls wegen des Verdachts auf Geldwäscherei ermittelt wird, wendet sich von ihrem Vater ab. Sie möchte alle Vermögenswerte, welche aus den zweifelhaften Geschäften des Vaters stammen könnten, dem Staat übergeben.