Am griechischen Referendum über die Reformvorschläge der internationalen Gläubiger scheiden sich die Geister. Auf dem Feld der Spitzenpolitik haben die Spieler ihre Positionen inzwischen besetzt. Zahlreiche europäische Staats- und Regierungschefs plädieren gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für ein «Ja», Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras fordert ein «Nein».

Auch durch die griechische Bevölkerung, die bei der Abstimmung am Sonntag das Sagen hat, zieht sich ein tiefer Graben. Doch wer auf welcher Seite steht, ist längst nicht so klar, wie manch einer vermuten würde.

Keine klaren Fronten

Hört man sich auf den Strassen um, gibt es Staatsangestellte oder Rentner, denen bei einer Zustimmung drastische Einschnitte drohen und die trotzdem ihr Kreuzchen hinter dem «Ja» machen wollen. Und es gibt Unternehmer, die Wettbewerbsnachteile fürchten müssen, sollte ihr Land tatsächlich in Folge eines «Neins» aus dem Euro fliegen. Dennoch lehnen sie die geforderten Reformen ab, für die im Gegenzug weitere Milliardenhilfen fliessen sollen.

Das alles macht den Ausgang des Referendums noch ungewisser als er ohnehin schon ist. Die einzige grosse Meinungsumfrage deutet auf ein etwas grösseres «Nein»-Lager. Sie zeigt aber auch, dass die Gegner der Reformen weniger geworden sind, seit sich nach der Schliessung der Banken Anfang der Woche tagtäglich lange Schlangen vor den Geldautomaten bilden, um wenigstens an die 60 Euro Tagesration Bargeld zu kommen.

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Angst vor weiterem Absturz bei einem «Nein»

So geht es auch Michalis Fioravantes, ein Lehrer, der vom Staat bezahlt wird. Sein Gehalt wurde in den vergangenen fünf Jahren, in denen Griechenland schon im Griff der Schuldenkrise festsitzt, von einst 1250 Euro auf 888 Euro gekürzt. Trotzdem will er für die Reformen stimmen. Denn seit Schliessung der Banken sorgt er sich, dass es noch schlimmer kommen könnte. «Ich habe Angst, dass wir gar kein Gehalt mehr bekommen werden, wenn wir den Euro verlassen.»

Ausserdem fürchtet er, nicht mehr an Medikamente zu kommen, auf die er zur Behandlung seiner Multiplen Sklerose angewiesen ist, die aber aus dem Ausland importiert werden müssen. Eine Ablehnung der Reformen werde Griechenland um Jahrzehnten zurückwerfen, ist sich Fioravantes sicher. «Ich bin gross geworden mit Geschichten über Hunger und Tod. Wenn wir aus dem Euro austreten, wird das in einer anderen Form passieren, aber das Ergebnis wird das gleiche sein.»

Wie vor einem Krieg

Ähnliches befürchtet die Kleinunternehmerin Vaso Katsakiori. Je mehr sich die Schuldenkrise zuspitzte, umso mehr gingen ihr und ihrer Marktforschungsfirma Aufträge verloren. Am Montag, als die Banken schlossen, liessen schliesslich alle verbliebenen Kunden ihre Projekte auf Eis legen. Es sei wie vor einem Krieg, sagt die 40-Jährige.

Die Apothekerin Georgia Golemi will dagegen mit «Nein» stimmen. Schon die Bedingungen für frühere Griechenland-Hilfen hätten sich für sie als Nachteil entpuppt. Die Liberalisierung des Marktes habe dazu geführt, dass Supermärkte in der Umgebung ihr jetzt Konkurrenz machten. Seitdem steht sie 13 Stunden täglich in ihrer Apotheke im Athener Vorort Elefsina, um über die Runden zu kommen. «Als ich anfing zu studieren, dachte ich, ich würde ein besseres Leben haben. Jetzt bin ich 50 und ich muss einsehen, dass es dieses bessere Leben nicht gibt.»

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«Ich habe keine Angst, den Euro aufzugeben»

Für Dinos Roussis, dem in Elefsina eine Firma gehört, die Kühlschränke repariert, ist es gar eine Frage der Ehre, sich den Forderungen der Gläubiger zu widersetzen. Die Griechen hätten auch die Militärjunta bekämpft und überlebt. «Ich habe keine Angst, den Euro aufzugeben. Griechenland und Europa haben lange vor dem Euro existiert. Und das werden sie auch nach dem Euro.» Das Ende des Euro sei «nicht das Ende der Welt».

(reuters/gku)

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