Auch wenn es manche Menschen nicht wahrhaben wollen: In der Ökonomie gibt es so etwas wie Naturgesetze. Es gibt nicht viele davon, aber dafür sind sie umso mächtiger. «Eine Gesellschaft kann auf Dauer nicht mehr ausgeben, als sie erwirtschaftet», ist eins von diesen Gesetzen.

Zur Frustration vieler Ökonomen ist die Ökonomie aber keine Physik. Trotz aller ästhetischen Schönheit von mathematischen Modellen unterwirft sich unsere Gesellschaft nicht dem Diktat von Bewegungsgleichungen eines deterministischen Kausalzusammenhangs. Selbst wenn wir Konzepte wie Zufallsgrössen oder pfadabhängige Regimeveränderungen einführen, sind wir kaum in der Lage, den Zustand der Welt zu einem zukünftigen Zeitpunkt mit guter Erfolgsaussicht zu beschreiben.

2500 Jahre grosse Erfolge und grosse Pleiten

Das liegt ganz einfach daran, dass wir es bei der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft mit einem sozialen System zu tun haben. Soziale Systeme reagieren aber auf ihre eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen und beginnen, ihr Verhalten zu verändern. Unsere Fähigkeit, diese Rückkoppelungsmechanismen zu beschreiben, ist aber bisher sehr begrenzt, und es ist philosophisch fraglich, ob es für solche Mechanismen überhaupt geschlossene Beschreibungen geben kann.

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Gerade das müssten die Ökonomen doch eigentlich sofort einsehen. Immerhin beschäftigt sich ein grosser Teil von ihnen tagtäglich mit Fragen der Wirtschaftspolitik. Und Wirtschaftspolitik ist schliesslich nichts anderes als der Versuch, in das System einzugreifen, um irgendwie geartete Vorstellungen einer «besseren Gesellschaft» zu erreichen. Gerade hierin konnte die Ökonomie in den vergangenen 2500 Jahren wirklich Erfolge erzielen. Unser Verständnis darüber, wie man wo eingreifen muss, um gesellschaftspolitische Vorstellungen zu verwirklichen, ist deutlich gewachsen.

Kombination von Hybris und Ignoranz

Allerdings haben wir auf diesem Weg auch grosse, teils katastrophale Misserfolge erlebt. Gerne verdrängen wir Ökonomen, dass auch die Grundlagen der sozialistischen Planwirtschaft von Ökonomen stammen, die in ihrer Zeit sehr respektiert waren. So gilt der moderne Begründer der Arbeitswertlehre, David Riccardo, auch als Begründer der modernen Handelstheorie der komparativen Vorteile. Oder denken Sie an die katastrophalen Folgen des Versailler Vertrags, der unter Mitwirkung namhafter Ökonomen zustande kam. Oder an die Hochinflationsphase der 1970er-Jahre, die natürlich auch eine Folge der beiden Ölschocks war, die sich durch die fixen Wechselkurse und unverantwortliche Fiskalpolitik ausgelöste Geldschwemme in den USA sich aber nie materialisiert hat. Auch hier standen berühmte Ökonomen Pate für die verfehlte Politik.

Gemeinsam ist diesen Erfahrungen, dass in ihrem Fundament die Vorstellung der politischen Machbarkeit von Veränderungen gewesen ist, die letztlich die Änderung der wenigen «ökonomischen Naturgesetze» zur Folge haben sollte. Die Kombination aus Hybris und Ignoranz ist wohl immer die Wurzel von grossen menschlichen Katastrophen.

Das Perfide an sozialen Systemen, die selbst über eine Armada von «Social Engineers» - und nichts anderes wollen unsere wirtschaftspolitischen Ökonomen sein - verfügen, ist, dass die unweigerlichen Folgen der Nichtbeachtung unserer ökonomischen Grundgegebenheiten zeitlich hinausgeschoben werden können.

Natürlich kann ich mehr ausgeben, als ich eingenommen habe. Dafür wurde der Kredit erfunden. Und Kredite lassen sich auftürmen, bis sie so gross geworden sind, dass das Problem auf eine andere Ebene geschoben werden kann. Der Staat tritt auf den Plan - wenn er nicht schon selber der Kreditnehmer ist, können Schulden verstaatlicht werden. Sonst fragt man halt die Staatengemeinschaft. Wenn die Schuldenlast zu hoch wird, dann werden die Zinsen staatlich manipuliert und nach unten gedrückt. Dadurch können wir uns noch mehr Schulden leisten. Die Werte unserer Vermögen steigen und wir können noch mehr Schulden machen. Und so weiter und so weiter ... bis zum grossen Knall.

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Der grosse Knall kommt sicher, die Frage ist nur wann

Der grosse Knall kommt aber bestimmt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Nur wann er genau kommt, wissen wir Ökonomen nicht. Ökonomie ist eben keine Physik. Wir helfen sogar nach, ihn auf der Zeitachse nach hinten zu schieben, womit die Zweifel an der Grundwahrheit, dass man nicht mehr ausgeben kann, als man verdient, wachsen. Griechenland ist überall!

Hüten wir uns davor, zu glauben, dass die Mechanismen des griechischen Dramas nicht auch bei uns greifen. Auf der Schuldenseite sind unsere Probleme im Augenblick noch kleiner als die Griechenlands. Aber denken Sie an die nicht geklärte Frage der Finanzierung unserer Altersvorsoge, dann wird unsere moralische Entrüstung gegenüber den Südländern wohl leiser werden müssen.

Es gibt übrigens auch andere Grundzusammenhänge als die des Schuldenmachens. Seit mehr als 400 Jahren wissen wir über den Zusammenhang von Geldmenge und Preisstabilität. Unsere Zentralbanken haben spätestens seit der Mitte der 1980er-Jahre keinen Monat verstreichen lassen, uns daran zu erinnern, und wir sind gut damit gefahren. Seit der Finanzkrise sind die Basisgeldmengen im Glauben um die Machbarkeit der Wirtschaftsentwicklung und in Ignoranz dieses fundamentalen Zusammenhangs aber explodiert. Griechenland gibt es wohl auch in der Geldpolitik, nur redet keiner davon. Wie lange das gut geht? Das weiss keiner. Dass es schiefgeht, müssten eigentlich alle wissen.

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* Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und VR-Präsident Wellershoff & Partners.