1. Home
  2. Politik
  3. Griechenland rüstet sich für Machtprobe mit Gläubigern

Reformen
Griechenland rüstet sich für Machtprobe mit Gläubigern

Der neu ernannte Finanzminister Yanis Varoufakis: Kritiker des Sparkurses. Keystone

Die neue griechische Regierung startet die Machtprobe und kündigt getroffene Vereinbarungen mit ihren Gläubigern wieder auf. Auf der Suche nach Verbündeten wendet sie sich offenbar gen Moskau.

Veröffentlicht am 28.01.2015

Der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sucht die Machtprobe mit Europa. «Wir werden die Politik der Unterwerfung nicht fortsetzen«, sagte der Linkspolitiker am Mittwoch vor der ersten Kabinettssitzung. Eine zerstörerische Konfrontation mit den internationalen Geldgebern will er nach eigenen Worten zwar vermeiden. Allerdings drehte er Reformauflagen wie die Privatisierung des grössten Hafens in Piräus zurück. In der deutschen Bundesregierung stiess das auf Kritik. Auch die Finanzmärkte reagierten verschnupft. Die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen schossen nach oben. An der Athener Börse gingen vor allem die Bankaktien in die Knie.

Tsipras kündigte einen «radikalen« Wandel an und machte klar, dass er an seinen Wahlversprechen keine Abstriche machen wolle: «Wir sind eine Regierung der nationalen Rettung, unser Ziel sind Schuldenerleichterungen.« Er strebe eine faire und für beide Seiten vorteilhafte Lösung an, um aus dem Teufelskreis aus exzessiven Schulden und Rezession auszubrechen. Den von Tsipras geforderten Schuldenerlass lehnen die Gläubiger ab. Griechenland wird seit 2010 von seinen Euro-Partnern und dem IWF mit insgesamt 240 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt. Deutschland haftet dabei für Kredite von gut 50 Milliarden Euro.

Bisherige Vereinbarungen über Bord geworfen

Nur wenige Tage nach der Wahl begann die neue Regierung damit, die bisherigen Vereinbarungen mit der Geldgeber-Troika aus EU, IWF und EZB über Bord zu werfen. So sollen entlassene Beamte wieder eingestellt sowie Mindestrenten und Mindestlohn wieder aufgestockt werden. Ausserdem wurde die Privatisierung des Hafens von Piräus und des Energieversorgers PPC gestoppt. Vorgesehen war der Verkauf einer Hafen-Beteiligung von 67 Prozent. Neben der chinesischen Cosco Gruppe waren für den Hafen noch vier andere Anbieter in der engeren Auswahl.

Die neue Regierung könnte auch Übernahmepläne des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport durchkreuzen , der für 1,2 Milliarden Euro 14 Airports in Griechenland kaufen will. Fraport hatte das höchste Gebot für den Betrieb der Regional- und Ferien-Airports abgegeben, noch ist der Deal aber nicht unter Dach und Fach. Die Frankfurter hatten für das Vorhaben ein Konsortium mit einem griechischen Partner gebildet.

Finanzminister will Lösung «ohne Duell»

Für Spannung mit der EU sorgt auch, dass sich die neue Regierung bei der sich abzeichnenden Verschärfung der EU-Sanktionen gegen Russland übergangen sieht. Griechenland hat traditionell gute Beziehungen zu Russland. Die EU-Aussenminister werden voraussichtlich am Donnerstag neue Sanktionen verabreden, ein Beschluss muss aber einstimmig ausfallen. Tsipras eilte wenige Stunden nach seiner Vereidigung zu seinem Treffen mit dem russischen Botschafter in Athen. Mitglieder des Linksbündnisses Syriza erwägen laut «Spiegel Online», ein Veto gegen die Sanktionen einzulegen. Moskau wäre demnach im Gegenzug bereit, griechische Produkte von ihrem EU-Boykott auszunehmen. Für Griechenland ist das ein wichtiger Posten: Das Land lieferte 2013 Waren im Wert von 400 Millionen Euro nach Russland.

Mit Blick auf die Finanzpolitik sagte Tsipras, angestrebt werde ein ausgeglichener Haushalt, aber keine unrealistischen Budget-Überschüsse, um den Schuldenberg von 175 Prozent des BIP zu bedienen. Priorität habe, den Schwächsten in der Gesellschaft zu helfen und den Klientelismus und die Korruption zu bekämpfen. Der neue Finanzminister Yanis Varoufakis sagte, ein Ersatz für das aktuelle Sparprogramm könne «ohne Duell« mit Europa gefunden werden. Nach einem Gespräch mit Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem am Freitag werde er sich schon bald mit seinen Ministerkollegen aus Italien und Frankreich treffen.

«Ich kann mir keinen Schuldenschnitt vorstellen»

In der Bunderegierung stiess Tsipras mit seinem neuen Kurs auf Kritik. «Ich kann mir keinen Schuldenschnitt vorstellen, ich kann mit nur vorstellen, dass die Programme weiter laufen und damit auch die Hilfe«, sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. «Unser Ziel muss es sein, Griechenland im Euro-Raum zu halten«, sagte der SPD-Chef: «Genauso klar ist aber, dass es auch Fairness gegenüber unserer eigenen Bevölkerung geben muss und gegenüber den Bevölkerungen in den anderen EU-Mitgliedsstaaten.«
Regierungssprecher Steffen Seibert forderte Tsipras auf, eine wirtschaftspolitische Gesamtstrategie vorzulegen. Er müsse dabei auch deutlich machen, wie es mit dem laufenden Programm und der Erfüllung der übernommenen Pflichten weitergehen solle.


Zur gestoppten Hafen-Privatisierung sagte Gabriel: «Ich würde raten, Dinge, die im Programm stehen - dazu gehört die Privatisierung des Hafens - nicht zu entscheiden, sondern erstmal zu reden.« Hilfen seien an das Programm gebunden, das gelte auch für den Zugang zum Anleihenkaufprogramm der EZB.

Ratingagentur S&P droht mit Ramschniveau

Die EU-Kommission in Brüssel zeigte sich bemüht, den Streit über die Reformauflagen nicht eskalieren zu lassen. Ihr Vize-Präsident Jyrki Katainen appellierte an beide Seiten, besonnen zu handeln. Manchmal sei es besser, sich gemeinsame Ziele zu setzen. Der Weg dorthin könnte auch verschieden sein. Wichtig sei für die EU, dass die griechische Wirtschaft wachse.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) droht unterdessen damit, ihr Rating für das Land noch weiter in den Ramschbereich zu senken (Creditwatch negativ). Die Ratingagentur begründete den Schritt mit den sich bereits abzeichnenden Differenzen zwischen der neuen Regieurung und den Gläubigern. S&P stuft das Land aktuell mit «B» ein.

(reuters/awp/me)

Anzeige

Gewinner und Verlierer in Griechenland

1|8
Bei der Parlamentswahl in Griechenland wurde das Kräfteverhältnis völlig neu verteilt. Zu den grossen Verlierern zählen die bestehenden Parteien. Glücklicher Gewinner der Wahl ist die oppositionelle Linkspartei unter der Leitung von Alexis Tsipras. Mit 149 Sitzen verpasst «Syriza» die absolute Mehrheit aber um zwei Sitze und benötigt einen Koalitionspartner zur Regierungsbildung.