Als «Eldorado» für Investoren pries der Chef der griechischen Behörde für Privatisierungen, Takis Athanasopoulos, 2012 sein Land an. Seine Prognose: 19 Milliarden Euro werde Griechenland durch Privatisierungen bis Ende 2015 einnehmen.

Wenig davon hat sich bewahrheitet. Mit dem Verkauf der Netzgesellschaft DESFA an die Ölgesellschaft von Aserbaid­schan, Socar, verdiente Griechenland gerade einmal 400 Millionen Euro. 2013 hätte die Privatisierung der Gasgesellschaft DEPA ­immerhin 3,6 Milliarden Euro einbringen sollen, sie scheiterte aber am Rückzug des einzigen Interessenten, der russischen Gazprom. «Mr. Eldorado» Takis Athanasopoulos ist seinen Job inzwischen auch los. Der zweite von inzwischen fünf Chefs des Privatisierungsfonds HRADF quittierte 2013 wegen eines Skandals seinen Posten.

50 Milliarden Euro sollen eingenommen werden

Griechenland initiierte das Privatisierungsprogramm im Zuge der Schuldenkrise: Erst mit dem Einnahmeziel von jährlich 1 Milliarde Euro, später mit einer Vorgabe von total 50 Milliarden Euro. Das war 2011. Die Geldgeber dachten damals, dass Griechenland das Geld innerhalb von fünf Jahren auftreiben könne, um seine frisch bei der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommenen Schulden zu tilgen.

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Mangels Fortschritten wurde das Ziel später nach unten korrigiert. Die Erlöse sind mager ausgefallen: Per Ende 2014 hat der griechische Privatisierungsfonds exakt 7,7 Milliarden Euro erwirtschaftet – wobei über die Hälfte der Gelder noch nicht einmal einbezahlt worden ist.

Korrupte Funktionäre

Solche Fehlprognosen haben in den Griechenland-Programmen Tradition. Stets überschätzten die Geldgeber das Wirtschaftswachstum, das aus den Sparprogrammen resultieren würde. Nirgends aber lag die Troika so daneben wie bei den Privatisierungen. Das Programm ist kaum vom Fleck gekommen. Entsprechend drastisch hat der IWF zuletzt seine Annahmen korrigiert. Statt von total 19 Milliarden geht der Fonds nur noch von 500 Millionen Euro an jährlichen Einnahmen aus.

Dabei hatte der IWF selbst 2011 noch geschwärmt vom «aussergewöhnlichen Portfolio» der Griechen. Allein Immobi­lien und Landbesitz des griechischen Staats hätten einen Wert von 280 Milliarden Euro, gab der damalige IWF-Europadirektor Antonio Borges zu Protokoll. Die Diskrepanz zwischen damaligem Soll und heutigem Ist könnte nicht grösser sein. Auf der Webseite des Privatisierungsfonds finden sich zwar zwei Dutzend Ausschreibungen, darunter Botschaftsimmobilien in New York, Pretoria oder Ljubljana. Die bisherigen Einnahmen aus Land- und Immobilienverkäufen belaufen sich aber ­gerade einmal auf 1 Milliarde Euro.

Politische Umwälzungen

Woran liegt es, dass aus Griechenland nicht mehr zu holen ist? Ein Faktor sind die politischen Umwälzungen der letzten Jahre. Vier Regierungen waren seit 2010 an der Macht, zweimal gab es Neuwahlen, oft stand das Land vor dem Bankrott. «Die Angst vor dem Grexit hat Investoren abgeschreckt», sagt Journalist Nick Malkoutzis von der griechischen Zeitung «Kathimerini» und dem Portal Macropolis. Die Unsicherheit habe besonders ausländische Banken davon abgehalten, Kredite für Griechenland-Projekte zu gewähren.

Entsprechend wenig Interessenten haben selbst Flaggschiff-Vermögenswerte wie der ehemalige Athener Flughafen Elliniko angelockt. Das 62 Hektar grosse Gelände mit Meeranstoss liegt seit den Olympischen Spielen im Jahr 2004 brach, hat aber grosses kommerzielles Potenzial. Trotzdem nahm der Staat nur 915 Millionen Euro mit dem Verkauf ein. Der Käufer – ein Konsortium unter der Führung der griechischen Lamda-Development-Gruppe – war als einziger Bieter übrig geblieben.

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Regierung stemmt sich gegen Privatisierung

Dass der griechische Markt am Boden ist, liegt auch an der von den Geldgebern angeprangerten Verkrustung: Investitionen sind mit bürokratischem Aufwand verbunden – Korruption und administrative Hürden hemmen das Interesse. «Die Strukturen sind so starr, dass Investitionen in Griechenland beinahe unmöglich sind», sagt der Analyst Athanasios Vamvakidis von der Bank of America zur Nachrichtenagentur Bloomberg.

Seit ihrem Amtsantritt im Januar hat sich auch die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras gegen Privatisierungen gestemmt. Der Verkauf der Häfen von Piräus und Thessaloniki wurde vorläufig gestoppt. Die Gründe für die Skepsis liegen in der Weltanschauung: Dinge wie die Wasserversorgung sollen nicht in private Hände fallen. Daneben ist die Identität der Käufer den Linken ein Dorn im Auge. Etwa jene von Spiros Latsis, dem Besitzer von Lambda Development. Der Milliardär gilt als einer der grössten Profiteure der Euro-Rettungen griechischer Banken. An der Entwicklung des Elliniko-Areals, wo Investitionen über 6 Milliarden Euro angedacht sind, wird sich Griechenlands vermögendster Mann zusätzlich bereichern.

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Die grosse Transformation

Das Misstrauen der einstigen Opposi­tion haben auch die Deals der Vorgängerregierung Nea Demokratia geschürt. Sie verkaufte die Wettgesellschaft Opap 2013 für den Spottpreis von 712 Millionen Euro – an Emma Delta, ein griechisch-tschechisches Konsortium im Mitbesitz von Dimi­tris Melissanidis. Der Öltycoon hatte Verbindungen zum ehemaligen Nea-Demokratia-Chef Antonis Samaras.

Privatisierungen machen ökonomisch oft Sinn. Privateigner verstehen es besser als der Staat, Versorgerbetriebe auf Effi­zienz und Innovation zu trimmen. Allerdings gehen sie kurzfristig zulasten von Jobs und Löhnen. Das erklärt auch einen Teil des Widerstands in Griechenland.

Chinesen kürzten Lohn

Lohnkürzungen gab es auch bei Cosco, der chinesischen Firma, die 2009 das ­Containerterminal am Hafen von Piräus kaufte. Die Arbeiter verdienen ein Drittel ihres früheren Gehalts. Dafür sind aber gegen 1000 Jobs entstanden: Cosco hat 1,5 Milliarden Euro investiert und den Hafen zu einem der grössten Umschlagsplätze im Mittelmeer gemacht.

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In der Nacht auf Montag haben sich Europa und Griechenland über die Eckpunkte eines dritten Rettungsprogramms verständigt. Teil davon ist die Wiederbelebung des Privatisierungsprogramms. Die einstige Wunschzahl von 50 Milliarden Euro ist dabei wieder in die offiziellen Dokumente geschlüpft: Griechenland soll diese Summe über die Laufzeit des Programms hinweg einnehmen – über 30 Jahre. Teile der Einnahmen sollen im Land selbst reinvestiert werden, dies hat Alexis Tsipras in Brüssel durchgesetzt.

«Die Idee könnte funktionieren», sagt Nick Malkoutzis, «aber kurzfristig sind keine Wunder zu erwarten.»

Notorisch schwieriges Unterfangen

Die Privatisierung hat sich in Griechenland als notorisch schwieriges Unterfangen erwiesen – wegen der langwierigen Prozesse im Land selbst und wegen der Austeritätspolitik der Troika. Und doch ist die Stossrichtung nicht ganz falsch. Ziel muss sein, die Investorenfreundlichkeit des Landes generell zu erhöhen. Gelingt die Modernisierung der Verwaltung, so macht auch der Verkauf von Staatseigentum Sinn – ohne Hast und zu einem vernünftigen Preis.

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Griechenland will unbedingt im Euro bleiben. Der Verkauf seiner Kronjuwelen ist der Preis, den es dafür zahlen muss.