Zumindest bei den zurückliegenden Wahlen hat er beste Werbung in eigener Sache betrieben. Das Wahlbarometer von Claude Longchamp und seinem Forschungsinstitut gfs.bern war so präzise wie nie zuvor. In den kommenden Monaten nun entscheidet sich, ob das reichen wird, um sich auf dem Politologen-Thron der SRG halten zu können.

Herausforderer Michael Hermann

Denn bis Mitte April will die Chefredaktorenkonferenz der SRG entscheiden, welches Institut in der Legislatur 2016 bis 2019 Umfragen vor den eidgenössischen Urnengängen durchführen darf. Das öffentlich finanzierte Medienunternehmen hat vergangene Woche 17 Forschungsinstitute und Universitäten angeschrieben, die für den Auftrag in Frage kommen, wie SRG-Sprecher Daniel Steiner auf Anfrage der «Handelszeitung» bestätigt. Bis Ende Jahr müssen die Bewerber ihre Offerten einreichen.

Gegen das Orakel mit der Fliege spricht, dass es in den letzten Jahren bei diversen Abstimmungen daneben lag, namentlich bei der Masseneinwanderungsinitiative, Ecopop und der Goldinitiative. Und mit Michael Hermann mit seiner Drei-Mann-Firma Sotomo hat sich ein äusserst ambitionierter Herausforderer in Position gebracht. Der Politgeograf hat mit Thomas Milic überdies einen früheren Mitarbeiter von Longchamp an Bord geholt, der das nötige Know-how in Sachen Umfragen für den SRG-Millionenauftrag mitbringt.

Longchamp bleibt bis Mitte 2016

Dass das Selektionsverfahren für ihn ein Selbstläufer wird, darauf darf Longchamp nicht hoffen. Man wolle äusserst sorgfältig abklären, welches Institut die Anforderungen am besten erfülle, erklärt Steiner. «Die Ausschreibung ist viel detaillierter als früher. Das Evaluationsverfahren dauert entsprechend länger». Dass sich die SRG bis Ende April Zeit nimmt für die Auswahl, hat für Longchamp immerhin einen positiven Nebeneffekt: Er behält die Deutungshoheit bei der SRG noch mindestens bis Mitte 2016.