Was hat sich für Sie als Headhunter seit dem 9. Februar, dem Tag des Ja zur SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung, verändert?
Lucas Schellenberg*:
Ich muss seither mithelfen, das Bild der Schweiz zu verbessern. Die Schweiz wird als fremdenfeindlich bezeichnet – das ist falsch. Ich sehe mich als Teil einer Charmeoffensive.

Sie haben das Bild der Schweiz angesprochen, das «von aussen» gezeichnet wird. Mit welchen Fragen oder Vorurteilen werden Sie am häufigsten konfrontiert?
Es tönt jetzt vielleicht etwas abgehoben, aber je höher Sie bei der Personalsuche in der Hierarchiestufe steigen, desto weniger ist das Ganze ein Thema. Im Gegenteil: Viele signalisieren im persönlichen, dass eine Abstimmung in ihrem Land wohl auch in eine gleiche Richtung gelaufen wäre. Gefragt werde ich natürlich nach den Konsequenzen.

Und Sie antworten dann, dass…
… das niemand beantworten kann.

Aber auf den Job als Headhunter dürfte eine Kontigentierung sehr wohl Auswirkungen haben.
Im Bereich des Executive Search und im Top-Management erwarte ich keine Auswirkungen. Wenn jemand einen Arbeitsvertrag vorweist, wird er auch künftig in die Schweiz kommen können. Einschränkungen wird es aber natürlich in Bereichen wie Pflege oder Gastronomie kommen. Grosse Unternehmen werden aber ihre Kontigente erhalten, da sie auch über den administrativen Apparat verfügen werden, der das Ganze abwickeln kann.

Executive Search und Top-Management ist aber auch auf KMU-Stufe gefragt. Diese Unternehmen werden leiden – oder widersprechen Sie dieser Prognose?
Ich widerspreche insofern, als dass es schwieriger werden wird, irgendwelche Stellen auf internationalen Jobportals auszuschreiben. Aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung kenne ich aber das Thema Kontingentierung bestens. Wer nachweisen kann, dass es eine entsprechende Fachkraft nicht in der Schweiz rekrutiert werden kann, wird diese auch weiterhin aus dem Ausland zuziehen dürfen. Ein KMU wird also auch künftig Leute finden, sofern der Arbeitgeber attraktiv ist und sich mit internationalen Benchmarks messen kann.

Ist das eine versteckte Kritik, dass viele Arbeitgeber es sich in der Vergangenheit etwas zu bequem gemacht haben?
Nein. Aber es muss natürlich auch etwas geboten werden – nicht nur für den ausländischen Arbeitnehmer selbst, sondern auch für seine Familie und die Kinder.

Dann sind die Drohgebärden einzelner Firmen, die bereits von Wegzug aus der Schweiz sprachen, nur heisse Luft.
Noch einmal: Was bei der Umsetzung der Initiative genau folgt, ist unklar. Klar ist: Der Ablauf wird komplizierter – sprich bürokratischer –, aber keinesfalls unlösbar. Das Ja zur Initiative wird der Schweizer Wirtschaft nicht massiv schaden, sondern man muss sich einfach mehr für ausländische Fachkräfte engagieren, damit man sie auch erhält.

Die Initiative wurde ja auch mit dem Schüren von Angst gewonnen: Ausländer nehmen Schweizer den Arbeitsplatz weg, zudem treiben sie das Lohnniveau auf Managementebene unnötig in die Höhe.
Diese Diskussion ist grundsätzlich falsch. Wir reden hier von einem globalisierten «War for talents» – und nicht von irgendwelchen EU-Einschränkungen. Hochqualifizierte Manager gibt es nicht nur in der EU, sondern auch in den USA, in Indien oder China. Und wir dürfen auch nicht ausblenden, dass die Schweiz bereits über die vergangenen Jahre für Top-Manager eine gewisse Anziehungskraft verloren hat.

Weshalb?
Andere Wachstumsmärkte und attraktive Wirtschaftsräume sind auf dem Radar von Top-Managern aufgetaucht. Es gibt viele Konkurrenzländer mit florierender Wirtschaft, es geht ihnen gut. Der Top-Manager kommt nicht in die Schweiz, weil es ihm hier grundsätzlich besser geht oder das Land ihn fasziniert, sondern weil der entsprechende Job neue Möglichkeiten bietet und eine Herausforderung darstellt.

Die Schweiz ist austauschbar.
Absolut. Aber die Schweiz als Arbeitsplatz wird attraktiv bleiben – auch mit dem jüngsten Volksentscheid. Hier kommen viel positive Faktoren zusammen: eine gute Work-Life-Balance, schöne Natur, hohe Sicherheit, Top-Infrastruktur, politische Stabilität und ein per se gutes Arbeitsrecht. Die Schweiz ist kompetitiv…

… was vielleicht nicht allen gefällt?
Ja, das stört möglicherweise den einen oder anderen in Brüssel. Die jetzigen Trotzreaktion der EU sind sehr unpassend – vielmehr muss die Souveränität der Schweiz akzeptiert und nach Lösungen gesucht werden, bei denen man sich nicht gegenseitig und unnötig das Leben schwer macht.

Wie kann Sie die Politik bei ihrer Charmeoffensive mit flankierenden Massnahmen unterstützen?
Indem auch sie mithilft, das aktuelle Bild der Schweiz zu korrigieren – und die Unternehmen den ausländischen Arbeitskräften signalisieren: «Wir sind froh, dass ihr da seid.» Das Selbstvertrauen der Schweiz muss wieder gestärkt werden.

* Lucas Schellenberg ist Managing Partner von Stanton Chase International (Schweiz) AG.

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