Das Golfemirat Katar ist derzeit in nahezu jeden Konflikt in der islamischen Welt in irgendeiner Form involviert. Jüngstes Beispiel ist der Brennpunkt Afghanistan: Die USA wollen mit den Taliban in Doha Gespräche führen.

Wer sich mit dem bewaffneten Konflikt in Mali befasst, stösst früher oder später auf Katar. Wenn die syrische Opposition einen neuen Vorsitzenden wählt, hat der kleine Golfstaat immer auch ein Wörtchen mitzureden. Der UNO hat Katar kürzlich bei den Verhandlungen über die Freilassung von vier verschleppten Blauhelm-Soldaten auf den Golanhöhen geholfen.

Und nun sollen die Gespräche zwischen den Taliban und den USA am Donnerstag in Katars Hauptstadt Doha beginnen. Katar ist dabei mehr als nur ein Gastgeber.

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Manchen Arabern ist die neue Rolle Katars als Regionalmacht, die über Exporte, Investitionen, Waffenlieferung und humanitäre Hilfe Einfluss nimmt, unheimlich. Sie kritisieren vor allem, dass sich der Emir, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, und sein umtriebiger Ministerpräsident, Scheich Hamad bin Dschasim al-Thani, in Ägypten, Syrien und Libyen als Förderer der Demokratie präsentieren, obwohl Katar bis heute eine absolute Monarchie ist.

«Katar - ein innenpolitisch unterentwickelter globaler Akteur», titelte neulich die Zeitung «Egypt Independent». In der libyschen Hauptstadt Tripolis hat jemand an einem viel befahrenen Kreisverkehr «Verschwinde Katar», auf eine Mauer gesprüht.

Breites Spektrum

Sicherheitspolitisch stützt sich der Emir von Katar zwar fast ausschliesslich auf die USA, die in seinem Kleinstaat einen Militärstützpunkt unterhalten. Als aufstrebende Regionalmacht, deren Ambitionen von Nordafrika bis an den Hindukusch reichen, agiert die katarische Führung jedoch politisch weitgehend unabhängig.

Sie unterstützt die bürgerlich-islamistische Bewegung der Muslimbrüder in mehreren arabischen Staaten mit Geld und durch die wohlwollende Art der Berichterstattung des in Doha beheimateten Fernsehsenders Al-Dschasira.

Sie liefert Waffen an syrische Rebellen, betreibt islamisch geprägte Schulen in Mali und engagiert sich für einen Frieden in der sudanesischen Konfliktregion Darfur. Der Emir hat viele Millionen in den palästinensischen Gazastreifen gepumpt.

Dass er und seine Frau - die schillernde Scheicha Mosa - im vergangenen Oktober die islamistische Hamas-Regierung in Gaza durch einen «Staatsbesuch» aufwerteten, kam bei den politischen Rivalen der Hamas nicht gut an.

Als die von den Muslimbrüdern dominierte neue ägyptische Führung im Frühjahr wegen sinkender Einnahmen und fehlender Investitionen in Bedrängnis geriet, eilte Scheich Hamad bin Dschasim al-Thani mit einem neuen Milliarden-Kredit im Gepäck zu Präsident Mohammed Mursi.

Beteiligungen und Einfluss

Doch der wachsende Einfluss von Katar ist nicht nur das Ergebnis von Geldgeschenken an Rebellen und mittellose Regierungen. Als weltgrösster Exporteur von Flüssiggas unterhält der Golfstaat auch enge Handelsbeziehungen zu etlichen Staaten in Asien und Europa.

Durch die Beteiligungen an Firmen wie Volkswagen, Credit Suisse und Barclays ist der staatliche Investitionsfonds Qatar Holding längst ein Akteur geworden, der auch in Europa von Politikern und Konzernchefs hofiert wird.

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Dabei hatte es der Emir zu Beginn seiner Herrschaftszeit sogar in der arabischen Welt schwer gehabt, akzeptiert zu werden. Die patriarchalisch denkenden Monarchen und Präsidenten der Region nahmen es ihm übel, dass er seinen Vater 1995 in einem unblutigen Putsch entmachtet hatte.

Keine offizielle Bestätigung gibt es bislang für Spekulationen, wonach der 54-jährige Emir demnächst zugunsten seines Sohnes, Prinz Tamim, abdanken will. An der typisch katarischen Mischung aus Hightech, grossen politischen Ambitionen und islamisch-konservativem Missionierungseifer würde dieser Generationswechsel aber wahrscheinlich nichts ändern.

(chb/tke/sda)