Nach Helden besteht in Zeiten der Krise ein starkes Bedürfnis. Der Glaube an das Übermenschliche soll das Gefühl der Ausweglosigkeit vertreiben. Das wissen nicht nur Soziologen. Das weiss auch Christoph Blocher. Die jüngste Bedrohung der Schweizer Banken durch den US-Steuerdeal passt da ins Krisenschema.

Niemand im Land hat so richtig den Durchblick. Kaum einer weiss, was die Amerikaner vorhaben. Bereits wird über einstürzende Kantonalbanken und leidende Steuerzahler spekuliert. Der Bundesrat flüchtet sich derweil in nebulöse Formulierungen. Klar ist nur: Es wird teuer und ein bisschen würdelos.

Das dazu passende Sondergesetz zur Lösung des Streits passt darum längst nicht allen – dem SVP-Paten schon gar nicht. Der Nationalrat hat es auf Eis gelegt. Blocher würde es am liebsten in dieser Session des Parlaments gar nicht behandeln. Wie immer bei ausländischen Forderungen regt sich in ihm eine Art Freiheitskämpfer. Der Guerillero von Herrliberg preist dann den Widerstand – und kramt gerne mal in den Geschichtsbüchern.

Historische Vergleiche hinken 
mitunter

Wie der Alt-Bundesrat jüngst in der Arena des Schweizer Fernsehens erzählte, fasziniert ihn die Person Walter Stucki. Der habe die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem Angriff aus den USA gerettet.

Walter who? Der Handelsdiplomat war nach der Kapitulation Deutschlands in heikler Mission unterwegs. «Wie heute waren die Amerikaner damals stinksauer auf uns», umschrieb jüngst der «Tages-Anzeiger» die Stimmung in den Nachkriegsjahren. Stucki war für das Washingtoner Abkommen verantwortlich.

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Die USA operierten damals im Entnazifizierungsmodus. Von der Schweiz forderten sie für ihren Goldhandel während des Krieges Schadenersatz. Und sie pochten auf die Herausgabe von deutschen Konten. Stucki setzte mit Erfolg auf eine Verzögerungstaktik. Am Ende musste die Schweiz zwar 250 Millionen Franken auf den Tisch legen, doch die Offenlegung der Konten konnte Stucki verhindern. Das Bankgeheimnis war gerettet.

Doch der Vergleich mit dem verstaubten Helden-Epos hinkt. Nicht Stuckis Widerstand brachte die USA zum Einlenken, sondern der Kalte Krieg. Die Interessen der USA änderten sich Anfang der 1950er schlagartig – und die Schweiz mutierte zur praktischen Insel.

2009 besass die Schweiz die letzte Chance zum Widerstand

Wenn man schon die Geschichte bemüht, bietet sich ein Vergleich mit dem Jahr 2009 an. Der fällt freilich deutlich weniger heroisch aus. Blocher und auch andere Widerstandsromantiker mögen da Gedächtnislücken haben.

Die UBS stand am Pranger. Die USA drohten, die Grossbank platt zu machen. Zumindest erzählten das die Banker dem Bundesrat. Am Ende lieferten die Schweizer Daten von rund 4450 Schwarzgeld-Kunden aus. Die Preisgabe des Bankgeheimnis wurde per Staatsvertrag besiegelt – auch dank Blochers SVP.

Dieser Sündenfall wirkt bis heute nach. Denn die UBS lieferten damals der US-Justiz nicht nur die Kundennamen, sondern auch die Namen der fahrlässigen Banken, die das Schwarzgeld der Ex-UBS-Kunden übernommen hatten. Dadurch gerieten weitere Institute ins Visier.

Dabei besass die Schweiz damals vielleicht die letzte Chance zum Widerstand. Die Drohung der USA wirkte jedenfalls reichlich gewagt. Ein Jahr zuvor hatte man Lehman Brothers in die Pleite schlittern lassen. Der folgende Finanztsunami schockte die Amerikaner nachhaltig. Eine Pleite der grösseren und damit noch systemrelevanteren UBS wäre ungleich schlimmer gewesen. Über Interbankenkredite und Derivate war man mit den Wall-Street-Banken engstens verzahnt. Ein Ende der UBS hätte einen Dominoeffekt zur Folge gehabt, den die USA kaum riskiert hätten.

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Das Ganze dürfte wohl ein riesiger Bluff gewesen sein. Alle fielen darauf rein, auch Blocher. Jetzt steht man mit dem Rücken zur Wand. Dringend gesucht: Wahre Helden.