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Raubkunst
Gurlitt-Streit beendet: Auftatmen in Bern

Kunstmuseum Bern: Sammlung umfasst Werke aus sieben Jahrhunderten. Keystone

Das Kunstmuseum Bern kann das Gurlitt-Erbe antreten. Das Haus beginnt jetzt mit der Planung von zwei Ausstellungen in der Schweiz und Deutschland.

Veröffentlicht am 15.12.2016

Mit Freude und Erleichterung hat das Kunstmuseum Bern auf das Münchner Gurlitt-Urteil reagiert. Das Haus kann nun die nächsten Schritte planen, darunter die parallelen Ausstellungen in Bonn und Bern. Zudem dürfte die eigene Forschungsstelle bald ihre Arbeit aufnehmen. Das machte Marcel Brülhart vom Kunstmuseum Bern auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA deutlich.

Der Rechtsanwalt leitete bereits die Verhandlungen mit den deutschen Stellen über den Umgang mit der Sammlung Gurlitt. Das Haus hatte die Erbschaft des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt im November 2014 angenommen. Gurlitts Cousine Uta Werner focht das Testament an. Brülhart war daraufhin massgeblich am Verfahren vor dem Oberlandesgericht in München beteiligt.

Teures Erbe

Im Verlauf des Rechtsstreits hat das Kunstmuseum wiederholt betont, man kämpfe nicht um das Erbe. Vielmehr gehe es darum, sich der Verantwortung zu stellen, die mit dem Erbe verknüpft sei.

Die «moralische Verantwortung» ging dem Berner Haus durchaus ins Geld: Das Dossier hat das Kunstmuseum Bern bislang rund 1,5 Millionen Franken gekostet. Auch nach dem Entscheid vom Donnerstag bleiben offene Fragen. So gibt es im Konvolut Bilder, deren Herkunft bislang nicht genau geklärt werden konnte. Darunter befinden sich laut Brülhart «einzelne Gemälde von herausragender kunsthistorischer Bedeutung», beispielsweise ein Werk von Paul Cézanne.

«Ausforschung» braucht Zeit

«Von zentraler Wichtigkeit ist für uns, dass sämtliche Werke ausgeforscht werden», betonte Brülhart. «Das kann noch bis zu zwei Jahre dauern.» Die sogenannten «abgeklärten Werke» werden schrittweise nach Bern kommen oder restituiert werden.

Es gibt laut Brülhart auch Werke, bei denen zwar kein Hinweis auf Raubkunst besteht, die Herkunft aber nicht abschliessend geklärt werden kann. In diesen Fällen hat das Kunstmuseum ein Wahlrecht. Brülhart: «Wenn wir solche Werke übernehmen würden und sich anschliessend ein Raubkunstverdacht ergäbe, würden wir die Werke nach der deutschen Auslegung der Washingtoner Erklärung restituieren.» So habe man es ja mit der BRD und Bayern vereinbart.

Forscher sollen bald loslegen

Ein grosser Teil der Werke sei indessen frei von Raubkunstverdacht, betonte Brülhart. «In diesem Konvolut finden sich hervorragende farbige Werke auf Papier und einzelne Gemälde von Hauptvertretern des deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit.»

Das Kunstmuseum Bern hat bekanntlich die Einrichtung eines eigenen Forschungsstelle beschlossen, welches das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste bei der Erforschung der Sammlung unterstützen soll. Die Stelle könnte ihre Arbeit bald aufnehmen – «wir müssen aber zuerst auf die Rechtskraft des Urteils warten», hielt Brülhart fest. Danach wolle man «möglichst rasch loslegen». Für die Forschungsstelle gibt es Spendenzusagen in insgesamt siebenstelliger Höhe. Das Geld wurde an die Bedingung geknüpft, dass das Kunstmuseum Bern im Rechtsstreit um das Erbe obsiegt.

Ausstellungen in Bonn und Bern

Mit dem Münchner Gerichtsentscheid wird auch der Weg frei für die geplanten parallelen Ausstellungen in der Bundeskunsthalle Bonn und dem Kunstmuseum Bern. Die beiden Häuser haben das Konzept gemeinsam entwickelt. Thematisiert wird der Umgang von totalitären Regimen mit Kunst, wie es zur Begrifflichkeit der «Entarteten Kunst» kam, welche Biografien eine Rolle spielten, welche jüdischen Sammler Opfer des Kunstraubs und des Holocaust wurden und wie geraubte Werke später zurück in die Museen und privaten Sammlungen gelangten. «Wir gehen nun mit voller Kraft an die Vorbereitungen der Ausstellungen», erklärte Brülhart.

«Für uns ist es wichtig, dass wir die Ausstellungen nun machen können und die Werke der Öffentlichkeit gezeigt werden», führte Brülhart aus. Sollte es tatsächlich zu einem Zivilprozess in Deutschland kommen, und die Gurlitt-Cousine diesen gewinnen, müsste Bern die Bilder wieder herausgeben.

(sda/ise/chb)

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