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Häusliche Gewalt verschlingt Millionen

Gewalt in den eigenen vier Wänden. Je nach Studie kostet sie bis 300 Millionen. (Symbolbild: Keystone)

Wenn Mann und Frau im Streit statt Worte die Fäuste sprechen lassen, kommt dies die Allgemeinheit teuer zu stehen. Die Kosten entsprechen den Ausgaben einer mittelgrossen Schweizer Stadt.

Veröffentlicht am 19.11.2013

Gewalt in Paarbeziehungen verursacht nicht nur grosses Leid, sondern auch hohe Kosten. Eine Studie im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) beziffert die Kosten auf mindestens 164 Millionen Franken im Jahr.

Dabei handelt es sich lediglich um die tatsächlich getätigten Ausgaben und die Produktivitätsverluste. Wird auch der Verlust an Lebensqualität berücksichtigt, liegen die Kosten laut der Studie um ein Vielfaches höher. Ausserdem sind viele Kosten wegen fehlender Daten nicht eingerechnet, etwa jene für mitbetroffene Kinder.

Hinzu kommt die hohe Dunkelziffer, viele Fälle häuslicher Gewalt werden nicht bekannt. Die Studie stützt sich auf Zahlen von Strafrechtsprofessor Martin Killias. Werden andere Schätzungen zugrunde gelegt, belaufen sich die Kosten gar auf 287 Millionen Franken.

Ausgaben einer Stadt

Die Zahl von 164 Millionen Franken liege an der unteren Grenze, sagte EBG-Direktorin Sylvie Durrer am Dienstag bei der Präsentation der Studie vor den Medien. Schon diese Kosten entsprächen aber den Ausgaben einer mittelgrossen Schweizer Stadt. "Es handelt sich um ein soziales Problem, das kein Randphänomen ist."

Den grössten Anteil machen laut der Studie mit 49 Millionen Franken die Kosten von Polizei und Justiz aus, gefolgt von den Produktivitätsverlusten in der Höhe von 40 Millionen Franken. Diese Kosten entstehen dadurch, dass Betroffene wegen Krankheit, Invalidität oder Tod nicht mehr arbeiten können.

Die Kosten für Unterstützungsangebote wie Frauenhäuser liegen bei 37 Millionen, die Gesundheitskosten bei 35 Millionen Franken. Vergleichsweise wenig kosten mit 3 Millionen Franken die Fach- und Koordinationsstellen.

70 Prozent der Verfahren eingestellt

Von den Polizei- und Justizkosten entfallen 22 Millionen Franken auf den Strafvollzug, 16 Millionen auf die Strafverfahren und 11 Millionen auf polizeiliche Interventionen. Zu Buche schlagen unter anderem die Ausgaben für Dolmetscher, da es sich bei rund 60 Prozent der Täter nicht um Schweizer handelt.

In vielen Fällen laufen die Verfahren jedoch ins Leere. Rund 70 Prozent der Verfahren würden eingestellt, weil das Opfer sein Desinteresse erkläre, sagte Claudia Wiederkehr, leitende Staatsanwältin im Kanton Zürich.

Woran dies liegt, liess Wiederkehr offen. Es sei aber eine Tatsache, dass in vielen Fällen eine bedingte Geldstrafe ausgesprochen werde, wenn der Täter verurteilt werde. Und bedingte Geldstrafen hätten keine abschreckende Wirkung. Die umstrittenen bedingten Geldstrafen sind derzeit Thema parlamentarischer Beratungen.

Physische und psychische Leiden

Bei den Gesundheitskosten entfallen 20 Millionen auf psychische Folgen wie Depressionen und 15 Millionen auf physische. 5500 Frauen und 2100 Männer sind jährlich von schwerer Gewalt in Paarbeziehungen mit körperlichen Folgen betroffen.

Die Kostenstudie sei wichtig für die Sensibilisierung, sagte Marie-Claude Hofer vom Westschweizer Universitätszentrum für Rechtsmedizin. Die Zahlen könnten aber in keinster Weise ausdrücken, was die Betroffenen durchmachten.

Thematik sichtbar machen

Unmittelbare Forderungen leitet das Gleichstellungsbüro aus der Studie nicht ab. Es handle sich um eine wichtige Grundlage, um die Thematik sichtbar zu machen, sagten die Verantwortlichen. Erstmals würden die Kosten systematisch ausgewiesen. Dies trage dazu bei, sich des Ausmasses der Problematik bewusst zu werden.

Häusliche Gewalt sei in der Schweiz ein verbreitetes soziales Problem, betonte EBG-Direktorin Sylvie Durrer. Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte entfielen auf diesen Bereich. Im Durchschnitt werde alle zwei Wochen eine Person getötet, zwei von drei Opfern seien Frauen.

Angesichts dessen sei es wichtig, dass der Bundesrat die Bekämpfung der häuslichen Gewalt in seine Legislaturziele aufgenommen habe, sagte Durrer. Sie verwies auch auf konkrete Massnahmen, etwa das Programm des Bundes zur Bekämpfung von Zwangsheirat. Der Bund untersuche derzeit ausserdem die Wirkung von Instrumenten wie dem Opferhilfegesetz.

(sda/tke)

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