Die Schweizer Entwicklungshilfe ist ein Milliardengeschäft. Die staatliche Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) dominiert als grösster Schweizer Geber die Branche. Nun äussern Insider harte Kritik an der Schweizer Entwicklungshilfe.

In einer Art «geschlossener Gesellschaft» schanzten sich Cliquen gegenseitig Jobs und Geld zu. Welche Probleme vordringlichst gelöst werden müssten, sei sekundär. Niemand ausser die selbstgefällige, geschlossene Gesellschaft wisse, was genau laufe. Wer Projekte und Mitteleinsatz kritisiert, werde abgestraft. Weil eine wirksame Kontrolle wie in anderen Ländern fehlt, greife niemand ein.

«In der Schweizer Entwicklungshilfe wird Geld verschleudert»

Der «Sonntagsblick» hat die Deza-Auftragsstatistik 2012 ausgewertet. Die Deza vergab 70 Prozent der Aufträge über 230'000 Franken unter der Hand. Das sind 216 Millionen Franken, gut zwei Drittel des Volumens. Dabei gilt für die Bundesverwaltung: Ab 230'000 Franken muss sie öffentlich ausschreiben, um den Wettbewerb sicherzustellen.

Agronom Jan Stiefel arbeitete bei der Deza, bei Hilfswerken und als selbständiger Berater. Der Branchenkenner sagt: «Vieles läuft schief. Wenn ich es hart formuliere, wird in der Schweizer Entwicklungshilfe Geld verschleudert.»

Freunde schanzen sich Geld zu

Es gehe in erster Linie darum, unter Freunden Geld zu verteilen: «Innerhalb der Deza, an Hilfswerke und an Forscher, die sich gegenseitig wohlgesinnt sind. Welche Probleme vor Ort wirklich gelöst werden müssen und wie das nachhaltig gemacht werden kann, ist zweitrangig. Die Branche ist eine intransparente, geschlossene Gesellschaft.»

Diesen Vorwurf äussern zahlreiche Beobachter und Insider, mit denen der «Sonntagsblick» gesprochen hat. Stiefel schlägt vor, eine externe Kontrollbehörde zu schaffen, wie sie beispielsweise Grossbritannien und Deutschland schon kennen.

Deza müsste Macht abgeben

Das reiche aber nicht. Die Deza müsste dabei Macht abgeben: «Wir brauchen einen Neuanfang in der Entwicklungshilfe. Die Deza ist eine Bundesbehörde. Sie müsste zurückgestutzt und neu organisiert werden. Sie sollte das machen, was eine Verwaltung machen sollte: Regeln und Grundsätze vorgeben und Abläufe kontrollieren.»

Anzeige

Stiefel schlägt ein neues System vor, ein von der Deza unabhängiges, breit abgestütztes Entwicklungshilfe-Gremium, das Projekte ausschreibt und Vorschläge prüft, die Private einreichen.

(gku)