Die Weltgemeinschaft sucht auf allen diplomatischen Kanälen nach einer Alternative zum drohenden Militärschlag gegen Syrien wegen des vermuteten Giftgaseinsatzes. Die Telefondrähte liefen am Donnerstag heiss, um doch noch eine gemeinsame Linie im UN-Sicherheitsrat zu finden. Die fünf ständigen Ratsmitglieder USA, Russland, China, Grossbritannien und Frankreich strebten am Abend noch einmal in New York eine Einigung an.

US-Präsident Barack Obama versicherte, die Entscheidung über einen Einsatz sei noch nicht gefallen. Der US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, präzisierte aber, Washington sei sich mit den Nato-Partnern und der Arabischen Liga einig, dass man gegen Syrien vorgehen müsse. Es werde eine «starke und ernsthafte Reaktion» der USA geben. «Das syrische Regime hat Chemiewaffen in grossem Umfang gegen Zivilisten eingesetzt, gegen Frauen und Kinder, und darauf muss es eine Reaktion geben», sagte Shapiro.

Die Suche nach Beweisen

Experten der Vereinten Nationen suchen noch bis diesen Freitag vor Ort nach Beweisen für einen Giftgasangriff in der vergangenen Woche. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, das Team werde Syrien bis Samstagmorgen verlassen und werde ihm gleich danach berichten.

Die europäischen Vetomächte Frankreich und Grossbritannien, die bisher am stärksten auf einen Militärschlag drängten, mässigten am Donnerstag ihren Ton etwas. Der französische Präsident François Hollande verlangte nach einem Treffen mit dem Chef der oppositionellen Nationalen Syrischen Koalition, Ahmed Assi al-Dscharba, lediglich eine «angemessene Reaktion» der Weltgemeinschaft.

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Cameron ausgebremst

Der britische Premierminister David Cameron wurde mit seinem Elan vom eigenen Parlament ausgebremst. Auf Druck der Labour-Opposition und eigener Abgeordneter musste er eine Abstimmungsvorlage für einen Militäreinsatz entschärfen. Cameron sagte zu, London werde das Ergebnis der Untersuchungen der Waffeninspekteure abwarten. Erst danach werde das Parlament endgültig über den Waffengang entscheiden. «Es geht nicht um einen Regimewechsel», versicherte er. «Es geht um den gross angelegten Einsatz von chemischen Waffen und um unsere Antwort auf ein Kriegsverbrechen - um sonst nichts.»

Russland forderte eine Ausweitung der Giftgaskontrollen durch die Uno-Inspekteure auf weitere Orte. Chinas Aussenminister Wang Yi warnte den Westen, eine «externe militärische Einmischung» würde die ganze Region weiter destabilisieren.

Merkel telefoniert mit Putin

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief Russland und China auf, im Uno-Sicherheitsrat eine gemeinsame Haltung mit dem Westen zu suchen. Nach einem Telefonat Merkels mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hiess es, beide seien sich einig, dass es für Syrien nur eine politische Lösung geben könne. Deutschland besteht jedoch auch auf «Konsequenzen», sollte bewiesen werden, dass das Assad-Regime für den Giftgaseinsatz mit Hunderten Toten verantwortlich sei. In einem Telefonat mit Obama sprach sich Merkel dafür aus, dass die Ergebnisse der UN-Untersuchung im Sicherheitsrat behandelt werden.

Ungeachtet aller Diplomatie treiben die USA, Frankreich und Grossbritannien die Vorbereitungen für einen Angriff auf Stellungen in Syrien voran. Am Donnerstag traf ein fünfter Lenkwaffenzerstörer der US-Marine mit Marschflugkörpern im östlichen Mittelmeer ein. Obama sagte aber, ob und wie die USA eingreifen würden, sei noch nicht entschieden. Nach Informationen der «New York Times» haben die USA bisher keine Beweise, die Assad direkt mit der Attacke in Verbindung bringen.

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In Syrien geht das Blutvergiessen weiter

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad bestritt erneut den Vorwurf des Gaseinsatzes. Im Staatsfernsehen kündigte er an: «Syrien wird sich gegen jeden Angriff verteidigen.» In Syrien selbst ging das Blutvergiessen weiter. Seit März 2011 wurden mehr als 100'000 Menschen getötet.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte Syrien vor einem Racheakt nach einem US-Militärschlag. «Wir sind nicht an dem Bürgerkrieg in Syrien beteiligt», sagte er in Tel Aviv. «Aber ich betone erneut, dass die israelische Armee mit sehr grosser Stärke reagieren wird, wenn jemand versuchen sollte, den Bürgern Israels Schaden zuzufügen.» Israel habe Raketenabwehrsysteme in Position gebracht.

Schäden an Museen und architektonischen Stätten

Die Unesco äusserte sich «tief besorgt» über die Gefährdung des syrischen Kulturerbes durch den Bürgerkrieg. Die Generaldirektorin der UN-Kulturorganisation, Irina Bokowa, erklärte in Paris, der Organisation liegen Berichte über Schäden an Museen und architektonischen Stätten vor. Es gebe illegale Ausgrabungen, weil die Ausgrabungsstätten teils nicht mehr bewacht werden könnten.

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(awp/se)