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Prozess
Hoeness erwartet sein Urteil

Das Urteil könnte fallen: Statt für 3,5 Millionen muss Uli Hoeness für 27 Millionen Euro Steuerhinterziehung einstehen. Ausgerechnet die neue Summe könnte den Bayern-Boss vor dem Gefängnis retten.

Von Hannelore Crolly («Die Welt»)
am 13.03.2014

Ein Wirtschaftsstrafprozess ist selten kurzweilig. Schliesslich geht es um dröge Zahlen und schräge, schwer verständliche Finanzkonstrukte, selbst wenn vorn auf der Anklagebank ein Prominenter sitzt, der Steuern hinterzogen, Geld unterschlagen haben oder korrupt gewesen sein soll. Doch der Prozess gegen Uli Hoenesswar anders, er war wie der Mann selbst: explosiv, temporeich, energiegeladen, voller Überraschungen. Und voller – auch wenn das Wort angesichts der drohenden Strafe und des schwer leidenden Protagonisten fehl am Platz scheint – unterhaltsamer Momente.

Auch das für heute erwartete Urteil verspricht spektakulär zu werden, ja sogar ein Präzedenzfall in der Geschichte der Justiz. Zumindest in dieser Grössenordnung ist bisher noch nie ein Steuersünder, der sich selbst angezeigt hatte, von der Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft angeklagt worden.

Das Urteil über Hoeness wird auf jeden Fall eine Sensation

Egal, wie der Fall ausgeht, es ist auf jeden Fall eine Sensation: Entweder wird Hoeness nämlich freigesprochen, weil der Richter seine Selbstanzeige als wirksam anerkennt.

Dann würde einer, der dem Steuersäckel über 27 Millionen Euro vorenthalten hat, ohne Strafe ausgehen. Oder Rupert Heindl verurteilt Hoeness wegen etwas, das dieser selbst auf den Weg gebracht hat und das ohne das Zutun des Fussballpräsidenten womöglich nie entdeckt worden wäre.

Es wird zur Revision kommen

In beiden Fällen, das ist schon jetzt klar, wird es zur Revision kommen. Hoeness muss also auch im schlimmsten Fall der Fälle mitnichten von der Anklagebank gleich ins Gefängnis wandern. Erst einmal muss das Urteil rechtsgültig werden. Und das kann dauern. Das nächste Champions-League-Spiel seines FC Bayern München wird er also noch besuchen können.

Spannend bei der offenkundig nur vier Tage währenden Verhandlung, bei der Richter Heindl im wahrsten Wortsinn «kurzen Prozess« mit dem Angeklagten gemacht hat, war vor allem das Mit- oder auch Gegeneinander von Hoeness und dessen Superstarverteidiger Hanns W. Feigen. Der in Frankfurt praktizierende Wirtschaftsanwalt ist wie Hoeness ein Ass seiner Liga, eine Klasse für sich. Zwei solche Ausnahmekämpfer nebeneinander, das verhiess einiges an Spannung fürs Publikum.

Und tatsächlich ging es zwischen den beiden zumindest am ersten Prozesstag auch hoch her. Da haute Feigen schon mal auf den Tisch und raunzte Hoeness an, er solle doch «keinen vom Pferd erzählen«. Oder er fragte scheinheilig: «Mich würde ja auch mal interessieren, wieso Sie damals die Steueramnestie nicht genutzt haben. 15 Prozent, war das nicht attraktiv?«

Gute Frage eigentlich. 2004 hatte der damalige Finanzminister Hans Eichel «Zinssündern« eine ziemlich günstige Amnestie angeboten. Hoeness kam ganz schön ins Stottern. «Keine Zeit, damals noch im aktiven Geschäft, keine Gedanken gemacht«, so eierte er herum.

Feigen wollte ihm die Haut retten

Doch niemand sollte sich von dem angeblich Zoff zwischen Mandant und Anwalt täuschen lassen: In Wahrheit wollte Feigen seinem schwierigen, womöglich sogar beratungsresistenten Sitznachbarn die Haut retten, auch wenn das zeitweise nicht so aussah. Er wollte verhindern, dass Hoeness wieder den Anschein des Lavierens, sich Herausredens, des schuldlosen Opfers abgeben wollte. Absolute Steuerehrlichkeit, das ist das Mantra, das Feigen Hoeness vorgebetet haben dürfte. Nur so hat er noch eine Chance, einigermassen glimpflich aus der ganzen Misere herauszukommen.

Und wer weiss, vielleicht gelingt das ja sogar tatsächlich. Feigens Strategie ist simpel: Seiner Meinung nach hat Hoeness eine wirksame Selbstanzeige erstattet – und zwar eindeutig bevor irgendjemand, den Reporter vom «Stern« eingeschlossen, gegen den FC-Bayern-ManagerVerdacht geschöpft hatte.

E-Mail an die Vontobel-Bank als Beweis

Als Beweis für die These, dass niemand Hoeness auf die Spur gekommen wäre, wenn er nicht selbst alles frei Haus geliefert hätte, hat Feigen unter anderem eine Mail verlesen lassen, die der «Stern«-Journalist an die Schweizer Bank Vontobel geschrieben hatte. Darin sagt der Reporter Johannes Röhrig eindeutig, dass er im Januar, als er seine erste Geschichte schrieb, nichts von Hoeness wusste. Auf Geheiss des ausgefuchsten Anwalts, der zu den Besten seiner Zunft zählen dürfte, wurde auch ein schriftlicher Vermerk über ein internes Gespräch der Staatsanwaltschaft zitiert. Darin räumen die Ermittler ein, dass die Ermittlungen zu dem zuerst vom «Stern« entdeckten Vontobel-Konto ohne die Selbstanzeige «ergebnislos« verlaufen wären.

Hoeness: Habe nie einen Kontoauszug besessen

Fragt sich nur, ob Richter Heindl, ein zackiger, aber durchaus humorvoller Verhandler, dieser Argumentation folgt oder nicht. Während der Verhandlung wirkte er immer wieder mal skeptisch, hakte nach und hob die Augenbrauen unter seinem blanken Haupt zu einem süffisanten Grinsen. «Sie haben mit Millionensummen spekuliert und darüber keine Belege oder Papiere gehabt?«, fragte er skeptisch, als Hoeness meinte, die Selbstanzeige sei nur deshalb so unübersichtlich ausgefallen, weil er auf die Schnelle erstmal alle Unterlagen aus der Schweiz anfordern musste.

Hoeness beteuerte, er habe nie einen Kontoauszug besessen und sich auf den Chefdevisenhändler von Vontobel verlassen, «Hundertprozentig, das ist ein Freund der Familie.« So tickt der Ex-Bayern-Manager nun mal: Man kennt sich, man vertraut sich. Für Richter Heindl ist das aber zu hoch: «Bei diesen Summen? In Deutschland haben Sie doch auch Kontoauszüge gehabt.« Offenbar kann er dem Angeklagten so viel Naivität und Vertrauensseligkeit nicht abnehmen.

Hier kommt nun wieder Feigen ist Spiel, und mit ihm das Eingeständnis, sehr viel mehr hinterzogen zu haben als zunächst gedacht. Sein Kalkül dürfte sein, dass es für Hoeness zumindest deutlich strafmildernd gewertet werden müsse, die Daten so aufbereitet übergeben zu haben, dass die Steuerfahndung die neue Berechnung von 27,2 Millionen Euro anstellen konnte. Damit, so die Hoffnung der Anwälte, muss damit die Selbstanzeige zumindest in Teilen als wirksam eingestuft werden. Denn ganz sicher hätte die Staatsanwaltschaft, auch wenn sie die Nummer des Schweizer Kontos wusste, nie die Details des Kontos erfahren – das sieht das Schweizer Bankengeheimnis vor.

27 Millionen Euro statt Gefängnis

Auch wenn es also paradox wirkt: Ausgerechnet das Eingeständnis, 27 statt 3,5 Millionen Euro hinterzogen zu haben, soll Hoeness aus dem Gefängnis halten. «Seht her«, so das Signal, «Herr Hoeness meint es erst mit dem Aufklärungswillen. Wir sind vollkommen kooperationsbereit.« Und daraus dürfe niemandem ein Strick gedreht werden – denn wer würde sich denn sonst noch selbst anzeigen wollen.

In der Tat wäre eine Aburteilung von Hoeness nach den Massstäben, als hätten ihn die Steuerfahnder ganz allein beim Schummeln erwischt, ein Novum, zumindest bei einem Fall in dieser Grössenordnung. Hoeness hätte dann mit Haft von bis zu zehn Jahren zu rechnen, ausserdem mit einer gewaltigen Strafe. Nicht nur müsste er die 27 Millionen Euro an Steuern nachzahlen. Bei Steuerhinterziehern kommt in der Regel noch einmal dieselbe Summe als Strafe obendrauf. So war es zumindest bei Postchef Klaus Zumwinkel.

Richter könnte sich an Formalien halten

Die Tatsache allerdings, dass der Vorsitzende Richter im bisher wichtigsten Fall seiner Karriere trotz der stetig wachsenden Steuersumme an seinem Zeitplan von nur vier Verhandlungstagen festzuhalten scheint, deutet darauf hin: Der Richter könnte sich streng an die Formalien halten. Und die besagen: Eine Selbstanzeige muss nicht nur rechtzeitig eingehen, sie muss auch aussagekräftige und vollständige Daten enthalten.


Das Motto: Man hat nur einen Schuss. Und den hat Uli Hoeness mit seiner bei Nacht und Nebel zusammengezimmerten Selbstanzeige ganz klar an die Latte gesetzt. Knapp vor der Linie ist eben doch nicht drin, so gilt es auch im Fussball. Und wenn Rupert Heindl hier seinem Ruf gerecht wird und den «Richter Gnadenlos« gibt, dann sieht es für Uli Hoeness düster aus.

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.

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