Für den Erhalt von rund 600 Jobs geht Frankreichs Präsident François Hollande auf Konfrontationskurs mit dem indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal. Weil der Multi-Milliardär zwei Hochöfen in Lothringen stillgelegt hat, droht die Regierung mit einer Zwangsverstaatlichung des kompletten ArcelorMittal-Werks.

Wirtschaftsvertreter sind entsetzt. Sie fühlen sich an die 1980er Jahre erinnert und befürchten einen katastrophalen Imageschaden für den ohnehin schon schwer angeschlagenen Industriestandort Frankreich.

Die Sorgen scheinen berechtigt. Kaum ein Wirtschaftsfachmann hält eine Verstaatlichung des ArcelorMittal-Standorts in der Kleinstadt Florange für sinnvoll. Selbst wenn es im Streit um die Hochöfen in Lothringen noch eine friedliche Lösung geben sollte, dürfte Hollande die Drohung so schnell nicht vergessen machen können.

«Das ist schlicht und einfach skandalös», wetterte am Donnerstag Arbeitgeber-Chefin Laurence Parisot. Es entstehe der fatale Eindruck, in Frankreich gebe der Staat die Strategie von Unternehmen vor.

Regierung zeigt sich hart

Hollande und die sozialistische Regierung zeigen sich unbeeindruckt. Sie sehen in dem Standort nahe der Grenze zum Saarland einen Einzelfall und werfen Mittal «gebrochene Versprechen, Erpressung und Drohungen» vor.

Immer wieder wird von ihnen betont, es gebe Interessenten für die Hochöfen. Einziges Problem sei, dass diese nicht nur die Flüssigstahlproduktion, sondern auch das Walzwerk erwerben wollten.

Letzteres will Mittal allerdings bisher unter keinen Umständen verkaufen. Die Herstellung von Spezialblechen für die europäische Autoindustrie gilt als hochlukrativ. Bei der Stahlherstellung an sich gibt es allerdings grosse Überkapazitäten.

Ausgang unklar

Wie der Poker um den Standort ausgeht, war bis Donnerstag unklar. Mittal liess verbreiten, er sei «extrem schockiert» über die Aussagen aus Paris. Auch nach einem am Dienstag eilig anberaumten Krisentreffen zwischen Hollande und dem Chef des weltgrössten Stahlkonzerns konnte keine Einigung verkündet werden. Bis zum Wochenende soll weiter nach einer Lösung gesucht werden.

Zwangsverstaatlichung gab es in Frankreich zuletzt Anfang der 1980er Jahre unter Hollandes sozialistischem Vorgänger François Mitterrand. Er brachte etliche Grossbetriebe und Banken unter Kontrolle der Regierung - die industriepolitische Kehrtwende mit Privatisierungen liess allerdings nicht lange auf sich warten.

«Kommt nach London!»

Auch im Fall Florange müsste die Regierung Mittal für seinen Verlust entschädigen. Dass sich dies lohnt, scheint nahezu ausgeschlossen. «Diese Strategie hat nichts mit einer effizienten Industriepolitik zu tun», kommentierte der Pariser Ökonomieprofessor Benjamin Coriat in der regierungsnahen Tageszeitung «Libération».

Hinter vorgehaltener Hand sollen Regierungsmitarbeiter von einer «Verzweiflungstat» im Kampf gegen sinkende Zustimmungswerte in der Bevölkerung sprechen.

Anderswo macht man sich schon Hoffnungen, Mittal als Investor für sich zu gewinnen. Nachdem Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg jüngst erklärt hatte, Mittal sei unerwünscht im Lande, konnte sich Londons konservativer Bürgermeister Boris Johnson spöttische Bemerkungen nicht verkneifen.

In Frankreich seien offensichtlich radikale Revolutionäre am Werk, sagte er bei einem Treffen mit indischen Geschäftsleuten. Wenn Montebourg einen Unternehmer wie Mittal auffordere, Frankreich zu verlassen, könne er ohne schlechtes Gewissen sagen: «Kommt nach London, meine Freunde.»

(rcv/sda)

Anzeige