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Griechenlandwahl
«Ich erwarte eine rasche Entzauberung von Tsipras»

Griechenlands Wahlgewinner Alexis Tsipras will die Sparpolitik beenden. HSG-Professor Reto Föllmi glaubt aber nicht, dass Syriza die grossen Versprechungen tatsächlich einhalten kann.

Von Gabriel Knupfer
am 26.01.2015

In Griechenland hat erstmals eine linke Anti-EU-Partei eine europäische Parlamentswahl gewonnen. Ist das ein Wendepunkt für Europa?
Reto Föllmi*: Ich glaube nicht. Es ist zu erwarten, dass Tsipras moderater wird, denn auch er wird dem Status quo ante Rechnung tragen müssen. Trotzdem ist klar, dass er versuchen wird, in Europa gewisse Ereichterungen für Griechenland herauszuholen.

Syriza hat die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, die Sparpolitik zu beenden. Kann das Tsipras überhaupt umsetzen?
Es wird auf jeden Fall schwierig. Ein Vorteil könnte sein, dass Griechenland 2014 einen Primärüberschuss erwirtschaftet hat. Tsipras hat damit einen gewissen Spielraum. Am Ende bleibt Griechenland aber doch stark von den Geldgebern abhängig und ich erwarte deshalb eine rasche Entzauberung von Tsipras.

Wie wahrscheinlich ist denn der geforderte Schuldenschnitt für Griechenland?
Dass es zu einem weiteren Schuldenschnitt kommen wird, war eigentlich schon vorher klar. Die europäischen Gläubiger haben ihrer Glaubwürdigkeit keinen Dienst getan, als sie immer wieder betonten, dass Griechenland keine weiteren Schulden erlassen würden. Letztlich ist klar, dass die jetzige Staatsverschuldung für das Land langfristig nicht zurückzuzahlen ist.

Erwarten Sie nun gar den Austritt des Krisenlandes aus dem Euro?
Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Der Entscheid müsste ja von Griechenland ausgehen. Wenn Tsipras voll auf Konfrontationskurs geht – was ich nicht glaube – könnte die Regierung aber tatsächlich an den Punkt gelangen, wo sie sich gezwungen sieht, die Notenpresse selber anzuwerfen und aus dem Euroraum auszutreten.

Was wären die Folgen, wenn das geschehen würde?
Ein Effekt wäre sicher die erhöhte Unsicherheit im Vorfeld des Austritts. Der Euro würde unter Druck geraten und auch die Schweiz bekäme Probleme, weil der Franken als «sicherer Hafen» wieder vermehrt nachgefragt würde. Mittelfristig dürfte ein Austritt von Griechenland den Euro aber sogar stärken, da damit ein ständiger Unsicherheitsfaktor wegfallen würde. Ich denke auch nicht, dass damit ein Dominoeffekt ausgelöst würde, weil Griechenland wirtschaftlich einfach zu wenig wichtig ist für Europa.

Ein wichtiges Thema ist zur Zeit der Frankenkurs. Sehen Sie unmittelbare Auswirkungen der Griechenland-Wahl auf die Schweizer Währung?
Der Franken hat heute nicht gross reagiert, vermutlich war die Erwartung des Syriza-Siegs bereits in den Kurs einbezogen. Positiv am gestrigen Wahlausgang ist ja zumindest, dass nun Klarheit herrscht. Auch wenn Syriza und ihr rechter Koalitionspartner nicht wirklich umsetzbare Programme vorgelegt haben, so wurde zumindest eine lange Agonie verhindert. Das ist für die Märkte wichtig.

* Reto Föllmi ist Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität St. Gallen.

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