Man könnte von einem klassischen Luxusproblem sprechen. Hierzulande beklagen Bau- und Gewerbefirmen, sie könnten ihre Lehrstellen nicht besetzen. Zur gleichen Zeit findet im EU-Raum jeder vierte Jugendliche keinen Job. Um den Faktor 7 liegt dort derzeit die Jugendarbeitslosigkeit höher als in der Schweiz. Aus ganz Europa reisen Bildungspolitiker an, um zu erfahren, wie es der Schweiz gelingt, die Arbeitslosigkeit – und vor allem die Jugendarbeitslosigkeit – in Zaum zu halten.

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Was sie von Schweizer Seite zu hören bekommen, ist wenig spektakulär. Als entscheidender Faktor wird neben dem flexiblen Arbeitsmarkt das duale Berufsbildungsmodell genannt. Zu Recht, denn die Berufslehre, kombiniert mit dem Fachunterricht, garantiert den reibungslosen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Dabei macht es der Praxisbezug möglich, dass auch Schulmüden und Lernschwachen der Übergang in ein betriebliches Umfeld gelingt.

Grundpfeiler des helvetischen 
Grundverständnisses

Der Erfolg der Berufslehre darf aber nicht davon ablenken, dass erheblicher Reformbedarf besteht. Wenn auf dem Lehrstellenmarkt viele Stellen offen bleiben und gleichzeitig Tausende Jugendliche nach der Schule in eine Warteschlaufe einbiegen, offenbart dies, dass die Berufsbildung doch nicht so reibungslos funktioniert. Das Gros der Lehrstellen stammt von Industrie-, Gewerbe- und Baufirmen. Neue Jobs entstanden in den letzten Jahren vor allem im Dienstleistungssektor. Man könnte auch sagen, der Lehrstellenmarkt widerspiegelt den Arbeitsmarkt nicht mehr.

Hinzu kommt, dass die Unternehmen zuwenig anspruchsvolle Lehren anbieten. Wenn sie das tun, finden sich häufig keine Kandidaten mit genügend guten Qualifikationen. Was die Schulabgänger in der Sekundarstufe lernen, genügt den Konzernen oft nicht mehr. Die Anforderungen aus der Wirtschaft steigen sukzessive. Dieses Manko betrifft zuerst den Dienstleistungssektor (IT und Telekom) und  teilweise die Industrie (Polymechaniker oder Biologielaborant).

Banken und Versicherungen reduzieren derweil nach und nach ihr Engagement in der klassischen Berufsbildung: Sie angeln sich -lieber gute Maturanden und schicken sie in Trainee-Programme. International vernetzte Finanzinstitute stellen Lehrlinge zu einem grossen Teil aus Goodwill ein. Sie fürchten die öffentliche Kritik, die eine Beteiligung an der Berufsbildung erwartet. Auch hoch spezialisierte IT-Start-ups rekrutieren ihr Personal lieber direkt an den Hochschulen. Investitionen in die Ausbildung rentieren sich für sie häufig nicht.

Bildungspolitiker verschliessen 
Augen vor realen Problemen

In dieser Situation wirkt wie ein Brandbeschleuniger, dass die Jugendjahrgänge bis 2020 stetig schrumpfen werden. Eine Entwicklung, die vor allem auf Kosten der Berufsbildung gehen dürfte, da der Andrang an die Gymnasien gross bleiben wird – nicht zuletzt auch, weil eine wachsende Zahl von Eltern, darunter die neuen Zuwanderer, für ihre Kinder einen direkten Zugang zur akademischen Bildung gegenüber einer Berufslehre bevorzugt.

Der verbreitete Wunsch nach einer schulisch-akademischen Karriere liegt quer zum helve-tischen Selbstverständnis. Die Berufslehre wird heute als unverzichtbarer Teil des Geschäftsmodells Schweiz betrachtet. Schliesslich haben die meisten Schweizer ihre berufliche Laufbahn auch einmal als «Stift» begonnen – und sind gut damit gefahren.

Eine Idealisierung der Lehre birgt aber die Gefahr, dass die Schweiz die Augen vor den realen Problemen verschliesst – und die nötigen Reformen verschläft, wie der Think-Tank Avenir Suisse wiederholt betont. Dabei bringt es nichts, den Zugang zu den Mittelschulen zugunsten der Berufsbildung künstlich zu verbarrikadieren. Was es braucht, sind neue, zukunftsfähige Modelle in der Berufsbildung selbst.