Drei Tage nach dem Beginn der Umsiedlungen von Flüchtlingen durch die griechische Polizei steht das provisorische Lager Idomeni leer. «Die Räumung ist abgeschlossen», sagte der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Toskas, am Donnerstag.

«Wir sehen weit und breit keine Flüchtlinge», berichteten Reporter, die zum ersten Mal seit Dienstag in das bisherige Elendslager hineingelassen wurden. Die wichtige Bahnlinie nach Mazedonien, die weiter nach Mitteleuropa führt, war von Zelten und Abfall freigeräumt worden, wie das Fernsehen zeigte. Der griechische Minister für Bürgerschutz ging am Donnerstag davon aus, dass der erste Güterzug schon am Abend rollen werde. Die Blockade der Bahnlinie durch Flüchtlinge, die damit gegen die Schliessung der Balkanroute protestierten, hat die griechischen Eisenbahnen 2,5 Millionen Euro gekostet. Export- und Importunternehmen sollen Verluste in Höhe von sechs Millionen Euro verbuchen, berichtete das Staatsradio.

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Viele schlagen sich auf eigene Faust durch

Die Probleme bestehen weiter: Von den einst 8000 Menschen, die dort an der Grenze zu Mazedonien teils monatelang unter widrigen Umständen ausharrten, sind nach Angaben der Polizei allerdings bislang gerade mal 2800 in den staatlich geführten Aufnahmeeinrichtungen angekommen. Viele andere packten ihr Hab und Gut und versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen.

So sind sechs Kilometer entfernt an einer Tankstelle in der Stadt Evzoni inzwischen Dutzende Zelte aufgeschlagen. Sie dienen Migranten nun als neues provisorisches Camp. Zahlreiche weitere haben sich auf Feldern in der Nähe ausgebreitet. Hilfsorganisationen warnen, die neuen Orte, an denen die Menschen nun campieren, darunter auch leerstehende Lagerhallen und ausgediente Industriegebiete, seien ungeeignet.

«Ich werde mir einen Schleuser suchen»

Der 18-jährige Diar aus Syrien wurde nach eigenen Angaben am Morgen von der Polizei geweckt und aufgefordert, einen der Busse in ein offizielles Flüchtlingslager zu nehmen. Doch Diar beschloss, sich allein auf den Weg zu machen. Wie viele andere hofft er, irgendwann doch noch über die gut gesicherte mazedonische Grenze weiter nach Westeuropa zu gelangen. «Ich werde mir einen Schleuser suchen», sagt der Syrer. «Jeder hier versucht, einen Menschenschmuggler zu finden, um wegzukommen – per Flugzeug, zu Fuss oder wie auch immer.»

Offizielle Zahlen der griechischen Behörden, wie viele Migranten sich auf eigene Faust durchzukämpfen versuchen, gibt es nicht. Der Regierung zufolge befinden sich rund 54’000 Flüchtlinge auf griechischem Boden. Die Regierung hatte zugesagt, dass trotz des massiven Polizeiaufgebots die Umsiedlung in südlichere Flüchtlingslager ohne Gewalt ablaufen werde.

Einen Syrer, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern auf freiem Feld das Schlafquartier aufgeschlagen hat, schreckten insbesondere Berichte über die Zustände in den staatlichen Unterkünften davon ab, sich der Aufforderung der Polizei zu beugen. «Da ist kein Platz für uns, es gibt nicht genug zu essen und es fehlt an medizinischer Hilfe.»

Tausende Flüchtlinge in Idomeni gestrandet

In Idomeni waren Tausende Flüchtlinge gestrandet, nachdem immer mehr Staaten entlang der Balkanroute zu Jahresanfang ihre Grenzen dichtgemacht hatten. In Spitzenzeiten campierten vor der mazedonischen Grenzanlage in der Nähe von Bahngleisen mehr als 12’000 Menschen. Idomeni wurde damit zu einer Art Sinnbild für das Versagen Europas, einen gemeinsamen Weg aus der Flüchtlingskrise zu finden.

Nach der Räumung von Idomeni plant Athen auch ein wildes Lager im Hafen von Piräus - mit rund 2000 Menschen - aufzulösen. Zudem solle stufenweise eines der schlimmsten provisorischen Staatslager im alten Athener Flughafen bei Hellinikon geräumt werden. Dort harren rund 4500 Menschen in den alten Wartehallen aus. Es gibt keine Klimaanlagen. Die Temperatur steige tagsüber auf über 40 Grad Celsius, berichteten Augenzeugen.

Übernachten auf dem Betonfussboden

Migrationsminister Ioannis Mouzalas räumte im griechischen Radio ein, die Zustände seien in einigen Lagern nicht zufriedenstellend, aber jedenfalls besser als in Idomeni, wo sich nach jedem Regen das Lager in eine Schlammwüste verwandelte.

Humanitäre Organisationen forderten Athen auf, die Zustände in den Auffanglagern zu verbessern. Die Hilfsorganisation Save the Children teilte mit, Flüchtlinge hätten berichtet, dass sie in Zelten auf nacktem Betonfussboden schlafen müssten.

(sda/reuters/me)