Er war mit 37 der jüngste Verteidigungsminister Deutschlands, war Popstar der deutschen Politik und galt sogar als Kanzlerkandidat. Dann kam der tiefe Fall: Karl Theodor zu Guttenberg – oder im ganzen Baron Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg – hatte seine Doktorarbeit zu grossen Teilen abgeschrieben, das kostete ihn seine politische Karriere.

Die Medien stürzten sich auf den Skandal – von einem Tag auf den anderen war Guttenberg der  «Lügenbaron» oder «Graf Copy-Paste». Mit versteinerter Miene verkündete Guttenberg am 1. März 2011 seinen Rücktritt von allen Ämtern. Was blieb, war seine allgemeine Beliebtheit: Noch zehn Tage nach dem Rücktritt führte Guttenberg die Liste der beliebtesten Politiker Deutschlands an. Trotzdem zog er mit seiner Familie nach New York, eröffnete eine Investment- und Beratungsfirma, «Spitzberg Partners», erfand sich neu. Fast exakt fünf Jahre später ist Guttenberg zurück: als Keynote-Speaker am Finance-2.0-Event im Zürcher Schiffbau.

«Schweiz hat eine interessante Fintech-Szene»

Federnden Schrittes betritt er die Bühne – casual gekleidet in Jeans und mit Drei-Tage-Bart. Lautstark schiebt er einen der Stehblocks in die Mitte der Bühne («Ich war Politiker, Politiker lieben es, am Podium zu sprechen») und merkt an: «Oh, das macht viel Lärm, so wie ich einst – natürlich immer ohne Substanz.»

Über ein Comeback will Guttenberg, unter Freunden liebevoll KT genannt, in Zürich nicht sprechen. Er ist hier, um über Fintech zu reden. Denn da investiert er kräftig – auch in ein Schweizer Startup, wie er im Gespräch am Rand der Veranstaltung verrät: Die USA seien beim Einsatz der neuen Technologien weiter als Europa. Die Schweiz hingegen könne von der Malaise in der EU profitieren, so Guttenberg gegenüber handelszeitung.ch: «Die Schweiz muss die Chance nur ergreifen. Sie hat eine interessante Fintech-Szene», so der Ex-Politiker (Sehen Sie dazu auch das Video unten).

Seine Powerpoint-Präsentation funktioniert nicht wie gewollt: «Die Slide habe ich im Zug von Genf nach Zürich von Word nach Powerpoint kopiert», merkt er entschuldigend an – und fügt hinzu: «Das scheint sich durch mein Leben zu ziehen – immer wenn ich etwas kopiere, endet es in einem Desaster.» Schallendes Gelächter und Applaus aus dem Publikum. Guttenberg weiss noch immer die Massen zu begeistern.

Neue Kooperationen zwischen Banken und Startups

Die Folie wird übersprungen, 45 Minuten rattert Guttenberg seine Abhandlung unter dem Titel «Global Fintech Challenges 2016, Hype and Substance» herunter. Die europäischen Grossbanken hätten die Digitalisierung verpennt, sagt Guttenberg. Davon hätten Fintech-Startups profitiert, die den Banken die profitabelsten Bereiche abzwackten und schneller, unter dem Radar der Behörden weiterentwickelten. Hier müssten sich Banken auf Kooperationen einstellen und ihre Systeme überdenken.

Dasselbe treffe auf die Kundschaft zu: «Wir haben heute eine Kundenbasis von Millenials, die unter einem anderen Stern aufgewachsen sind als die ältere Generation. Ich kannte noch die Filiale der Fränkischen Sparkasse, wo meine ganze Familie und ich hingingen.» Heute verlangten Kunden nach mehr Flexibilität bei Banklösungen.

Am Herzen liegt dem Grafen die Blockchain-Technologie. «Ich bin überzeugt, dass Blockchain sich weiterentwickeln und sehr wichtig werden wird», sagt er. Die Technologie könnte Transaktionen beschleunigen und Banken Geld einsparen – der Mittelmann werde obsolet. Auch hier bestehe jedoch die Gefahr durch Regulatoren, die je nach politischer Lage ihre Meinung wie der Wind ändern könnten, so Guttenberg. Gerade Bitcoins, die auf der Blockchain-Technologie basieren, seien wegen Sicherheitslücken oft kritisiert worden.

«Ich hoffe, dass Europa zu Sinnen kommt»

Immer wieder betont Guttenberg, dass Europa sich als Platz für Fintech und Blockchain-Technologie noch etablieren müsse, das Regulierungschaos zwischen den 28 EU-Staaten bremse viel ab: «Ich hoffe, dass Europa zu Sinnen kommt, einen starken Blockchain-Hub baut und diese Entwicklung nicht der anderen Seite des Atlantiks überlässt.»

Am Ende stellt die Moderatorin vorsichtig die Frage, die sich wohl viele stellten: Ob Guttenberg sich bei einem politischen Comeback vorstellen könnte, Fintech-Botschafter in der Schweiz zu werden? Guttenberg dreht sich abwehrend weg und verfällt in Floskeln: Er liebe die Schweiz, käme seit 19 Jahren für die Weihnachtstage her. Sein Leben unter dem Radar gefalle ihm aber nach dem Hype um seine Person durchaus gut. Dann ist Mittagszeit – und Guttenberg freut sich auf etwas, was er in den USA vermisst: ein gutes Bier.

 

Gerüchte um Rückkehr in die Politik

Trotz Versicherungen Guttenbergs, er habe kein Interesse an einer Rückkehr und trotz seiner Inszenierung als legerer Techie mehrten sich in letzter Zeit Spekulationen, Guttenberg bereite seine Rückkehr in die deutsche Politik vor – vor allem seit CSU-Chef Horst Seehofer ihn im Herbst vergangenen Jahres in sein Kompetenzteam bat. Gemäss «Süddeutsche Zeitung» favorisiert Seehofer sogar die Option, Guttenberg zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl und zum Parteichef zu machen.

Guttenberg dementierte immer wieder, liess der «SZ» ausrichten: Er sei nicht interessiert an einem Comeback. Die Expansion seiner Beratungs- und Investmentfirma fülle ihn gänzlich aus, teilt er der Zeitung in einer E-Mail mit. Und fügte hinzu: «Unabhängig davon würden die berechtigten Gründe für meinen Rücktritt sowie mein lausiger Umgang damit eine Rückkehr nicht rechtfertigen.»

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