Seine Anhänger sehen in ihm einen Reformer nach dem Vorbild Margaret Thatchers, seine Feinde schmähen ihn als zweiten Putin oder sogar Hitler: Indiens voraussichtlicher neuer Premierminister Narendra Modi spaltet die öffentliche Meinung wie nur wenige Politiker.

Die einen loben seine Wirtschaftskompetenz als langjähriger Regierungschef des westindischen Bundesstaats Gujarat, die anderen warnen vor der autoritären und kompromisslosen Haltung des überzeugten radikalen Hindu-Nationalisten. Vor allem bei religiösen Minderheiten und säkularen Aktivisten stösst der 63-Jährige auf Vorbehalte.

Die Kluft zwischen Modi und dem Spitzenkandidaten der bis dato regierenden Kongress-Partei, Rahul Gandhi, könnte nicht grösser sein. Letzterer stammt aus der berühmtesten Politiker-Dynastie des Landes, wurde in Oxford und Harvard ausgebildet, gilt aber als führungsschwach.

Modis Vater dagegen war Teeverkäufer, der Sohn durchlief schon früh die radikal-hinduistische und mehrfach verbotene Kaderbewegung Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und pflegt sein Image als politischer Aussenseiter - Wegbegleiter bescheinigen ihm eine extreme Zielstrebigkeit.

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Freund der Unternehmer

Modi gehört zum radikalen Flügel der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Perti (BJP). Der seit 2001 amtierende Ministerpräsident von Gujarat gilt als effizienter Verwalter, der durch eine wirtschaftsliberale Politik seinem Bundesstaat hohe Wachstumsraten beschert hat.

Zwischen 2005 und 2012 wies Gujarat ein durchschnittliches Wachstum von 10,13 Prozent und damit das zweithöchste aller grösseren indischen Bundesstaaten auf. In Indiens grossen Unternehmen hat Modi viele Freunde, auch ausländische Konzerne wie etwa Ford loben seine «straffe und saubere» Regierung.

Doch Modi hängt die Erinnerung an die anti-muslimischen Pogrome an, bei denen in den Anfängen seiner Amtszeit 2002 in Gujarat mindestens 1000 Menschen getötet wurden. Zwar wurde er selbst dafür nie rechtlich belangt, doch zeigten Untersuchungen, dass die Gewalt massgeblich von BJP-Politikern angefacht und gesteuert worden war. Entschuldigt hat sich Modi bis heute nicht.

Viele Europäer und die USA verweigerten wegen der Gewalt über Jahre jeden Kontakt mit Modi, bei der muslimischen Minderheit stösst er bis heute auf Misstrauen. Im Wahlkampf verzichtete Modi daher weitgehend auf Angriffe gegen die Muslime und stellte stattdessen seine Erfolge bei der Förderung der Industrie in den Vordergrund.

Grosse Erwartungen

Auch wenn immer wieder Zweifel an den von Modi vorgelegten Zahlen zu Gujarat geäussert werden und Aussagen zu seiner künftigen Wirtschaftspolitik vage blieben, gelang es der BJP, seine Politik als Modell für ganz Indien zu verkaufen. Indiens Wirtschaft trudelt, und viele Menschen erwarten von ihrem künftigen Regierungschef wahre Wunder.

Seine Kritiker aber warnen vor zu grossen Hoffnungen: Modis Wirtschaftspolitik nutze vor allem grossen Konzernen, die Armen würden auch in Gujarat ignoriert wie eh und je.

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Und allen Antikorruptionsversprechungen zum Trotz hatte Gujarat unter seiner Führung bis vergangenes Jahr keinen Korruptionsbekämpfer. Einer von Modis engen Vertrauten, Amit Shah, muss sich zudem wegen Mordes und Erpressung während seiner Zeit als Gujarats Innenminister verantworten.

Andere stossen sich an Modis Neigung, alle Macht auf sich zu konzentrieren, und werfen ihm autoritäre Züge vor. Unter anderem redet er von sich stets in der dritten Person und prahlt gern mit seiner breiten Brust.

Allein in der Residenz

Trotz seiner Allgegenwart im Wahlkampf ist über Modis Privatleben nur wenig bekannt. Er soll Yoga lieben, streng vegetarisch und niemals in Gesellschaft essen.

Einer schon in Kindestagen arrangierten Ehe soll er sich verweigert, stattdessen als junger Erwachsener jahrelang im Himalaya nach Erleuchtung gesucht haben. In seiner Residenz in Gujarat lebt der passionierte Vogelsammler allein.

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(sda/chb)