Jungpolitiker wie SP-Nationalrat Cedric Wermuth sind in Talkshows zu Gast und prominent in den Zeitungen. Den jungen Wählern scheint das egal zu sein: Nicht einmal 20 Prozent der unter 29-Jährigen stimmten bei der Masseneinwanderung ab. Warum?
Claude Longchamp*: Jede Partei hat mittlerweile ihre jungen Aushängeschilder. Das ist aber vor allem ein Medienphänomen. Junge Menschen haben einen hohen Wert als Werbeträger – und geniessen in einer alternden Gesellschaft immer mehr Anerkennung. Junge Menschen gehen deshalb aber noch nicht wählen.

Sind die Jungen heute weniger politisch? 
Der Informationsstand ist höher als noch vor 20 Jahren – aber das führt noch nicht zu einer persönlichen Involvierung. Junge Menschen fühlen sich von der Politik nicht angesprochen – obwohl bereits klar ein Generationenbruch in der politischen Kommunikation erkennbar ist. Die Sprache ist ganz anders, frischer als früher.

Warum interessiert politische Arbeit denn überhaupt nicht?
Sie ist schlicht out. Die Resignation ist bei vielen Jungen hoch. Oft gibt es die Befürchtung, dass die einzelne Stimme ohnehin nichts zählt und man überstimmt wird. Dieses dumpfe Gefühl vieler Jungen ist nicht falsch.

Weil die Gesellschaft und damit der Wähler immer älter wird?
Der durchschnittliche Wähler in der Schweiz ist heute 57 Jahre alt. Das heisst, ich gehöre seit einem Jahr nicht mehr zu den Jungen – das ist unglaublich. Die Jungen sind keine wirkliche Gruppe mehr und ihr Gewicht relativ gering.

Die Masseneinwanderungsinitiative fiel sehr knapp aus. Da hätten die Jungen das Zünglein an der Waage sein können.
Das ist nicht sicher. Es gibt in der Schweiz keine Generation Erasmus, die mit ihrer Stimme viel bewegen könnte. Das sind vielleicht ein paar Hundert Studenten, die vom Stopp der Erasmus-Verhandlungen betroffen sind. Und diese Studenten haben sicher zu einem grossen Teil an der Abstimmung teilgenommen.

Im Gegensatz dazu wurden ältere Wähler im grossen Stil mobilisiert.
Ja. Die politischen Kampagnen haben besonders die über 50-Jährigen sehr stark angesprochen. Und die Jungen eben nur sehr schwach. Diese Differenz der Mobilisierung war im Vergleich zu früheren Abstimmungen bei der Masseneinwanderungsinitiative besonders hoch.

Ist das ein Trend für künftige Abstimmungen – etwa beim Mindestlohn im Mai?
Der Mindestlohn betrifft viele Junge noch eher als die Masseneinwanderungsinitiative. Deshalb könnte die Beteiligung dort wieder höher ausfallen.

Ganz grundsätzlich: Ab wann nimmt die politische Teilhabe einer typischen Schweizerin oder eines Schweizers zu?
Normalerweise ab etwa 30. Dann wenn sie eine Familie gegründet haben und im Job angekommen sind. Davor gibt es viele andere Dinge, die wichtig sind. Individualismus steht weit oben – Party statt Politik.

Wie kann man die Jungen wieder für die klassische Politik gewinnen?
In der französischsprachigen Schweiz spricht man von politischer Sozialisation – im Gegensatz zum deutschsprachigen Teil, wo gerne von politischer Bildung geredet wird. Aber Wissen und Informationen sind schon sehr hoch. Die Menschen müssen mit dem Kopf und mit dem Herzen angesprochen. Und das nicht nur über die Medien. Sie müssen politisch sozialisiert und einbezogen werden – von Gesellschaft, Freunden und Familien.

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* Claude Longchamp ist Verwaltungsratspräsident und Vorsitzender der Geschäftsleitung des politischen Forschungsinstituts GFS Bern. Der Politikwissenschafter und Historiker ist auch als Lehrbeauftragter der Unis Bern, Zürich, St. Gallen tätig sowie als Dozent an der Zürcher Hochschule Winterthur, am MAZ Luzern und am VMI der Universität Fribourg.