Nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon ermitteln die Sicherheitsbehörden fieberhaft in mehrere Richtungen. Als Attentäter vermuten sie eine regierungsfeindliche Gruppe aus dem Inland oder radikale Islamisten, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Ermittlungskreisen erfuhr.

Die Tat werde als Terroranschlag eingestuft, hiess es in Regierungskreisen. Die Polizei in Hamburg und Düsseldorf, wo an den kommenden beiden Sonntagen Marathons stattfinden, sieht keinen Handlungsbedarf. Auch der London-Marathon soll diesen Sonntag wie geplant starten. 

In Boston waren bei zwei fast zeitgleichen Explosionen in der Nähe der Ziellinie drei Menschen getötet worden, darunter Medienberichten zufolge ein achtjähriger Junge. Mehr als 100 Personen wurden verletzt. Präsident Barack Obama erklärte, man werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Nationalgarde in Stellung

Es war der schwerste Bombenanschlag in den USA seit den Al-Kaida-Angriffen vom 11. September 2001. In Boston ging die Nationalgarde des Bundesstaates Massachusetts in Stellung, während schwer bewaffnete Polizisten die Krankenhäuser sicherten. Grosse Teile der Innenstadt blieben abgesperrt. Die Bundespolizei FBI übernahm die Federführung bei den Ermittlungen, an denen sich neben den örtlichen Behörden auch der Geheimdienst CIA beteiligte. Übereinstimmend hiess es, dass vor dem Angriff keine Warnung eingegangen sei. Es gab zunächst keine Festnahmen.

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Zwei Sprengsätze aus Schiesspulver

Der für Boston zuständige leitende FBI-Beamte Richard DesLauriers erklärte, ein terroristischer Zusammenhang werde nicht ausgeschlossen. Nähere Auskünfte zu ersten Erkenntnissen der Fahnder oder zur Richtung der Ermittlungen lehnte er ab. Ein hochrangiger Polizist, der namentlich nicht genannt werden wollte, sprach von zwei Sprengsätzen aus Schiesspulver, die unter anderem mit Metallkugeln versehen gewesen seien.

Aus Kreisen des Präsidialamts verlautete, der Fall werde wie ein Terrorakt behandelt, ohne dass bislang klar sei, ob es sich um einen Angriff aus dem In- oder Ausland handle. «Wir wissen noch nicht, wer dies getan hat und aus welchem Grund», erklärte Obama. Man dürfe auch keine voreiligen Schlüsse ziehen. «Wir werden herausfinden, wer es war. Wir werden herausfinden, warum dies geschah.» 

Einheimische Regierungsgegner oder Islamisten

In Ermittlerkreisen hiess es, der Zeitpunkt des Angriffs spreche für einheimische Extremisten, die einen mächtigen Staat ablehnen. Am Montag wurde in Massachusetts der Patriots' Day begangen, der an den Unabhängigkeitskrieg erinnert. Am 15. April läuft in den USA zudem die Frist für die Abgabe der Steuererklärung ab. Steuern sind ein Reizthema für einige amerikanische Extremistengruppen. Es ist nicht das erste Mal, dass in den USA ein sportliches Grossereignis Ziel eines Anschlags wurde.

Im Juli 1996 hatte der radikale Abtreibungsgegner Eric Rudolph einen Bombenanschlag auf die Olympischen Spiele in Atlanta verübt. Dabei starb eine Frau. Aus den Ermittlungskreisen erfuhr Reuters weiter, dass als zweite Möglichkeit ein islamistischer Hintergrund diskutiert werde. Hierfür spreche die Vorgehensweise: Die Zündung von zwei Sprengsätzen in kurzem zeitlichen Abstand voneinander bei einem Grossereignis sei die Art von Angriff, die vom Islamistenmagazin «Inspire» propagiert werde. Die Zeitschrift wird im Internet von der Gruppe Al-Kaida im Jemen verbreitet und enthält englisch-sprachige Aufrufe an Muslime im Westen, Angriffe notfalls auch mit bescheidenen Mitteln auszuführen.

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In einer der jüngsten Ausgaben war eine detaillierte Anleitung zum Eigenbau und Einsatz von Sprengsätzen enthalten. Beim ältesten Stadtmarathon der Welt waren nach Angaben der Organisatoren 23'326 Läufer am Start. Davon seien 17'584 vor den Explosionen im Ziel angekommen.

Eine halbe Million Zuschauer säumte die Strassen. Zum Zeitpunkt der Explosionen hatten die Spitzenläufer die Ziellinie bereits überquert, die Hobby-Läufer kamen gerade an.

(chb/reuters)