Die Frauen in Appenzell Innerrhoden erhalten ab sofort das Stimm- und Wahlrecht: Das entschied 1990 das Bundesgericht in Lausanne. Erst knapp 20 Jahre nach Einführung des Stimmrechts für Frauen in der Schweiz kamen auch die Innerrhoderinnen zu ihrem Recht.

Dreimal hatten die Männer in Appenzell Innerrhoden an der Landsgemeinde gegen das kantonale Stimm- und Wahlrecht ihrer Frauen die Hand erhoben. Zehn Jahre lang hatten sich die Frauen still verhalten, um ihre Sache nicht zu gefährden.

1990 riss bei einigen Appenzellerinnen der Geduldsfaden: Sie legten beim Bundesgericht eine staatsrechtliche Beschwerde ein und am 27. November bekamen sie recht: Die Appenzeller handelten verfassungswidrig und mussten ihren Frauen ab sofort das Stimmrecht zugestehen.

Erstmals gemeinsam im Ring

Während die Männer wie eh und je mit dem Seitengewehr (Degen) als Stimmausweis in den Ring traten, mussten die Frauen mit den gelben Stimmkarten Vorlieb nehmen. So bestimmte es der Grosse Rat, der unter allen Umständen vermeiden wollte, dass «unvernünftige Frauen« womöglich gar mit Säbel «bewaffnet« im Ring ständen.

An der ersten gemeinsamen Landsgemeinde im April 1991 war die Stimmung unter den durch den Bundesgerichtsentscheid «übergangenen» Männern weniger aggressiv, als befürchtet: «Es kocht weniger als erwartet. Die Gegner sind überraschend ruhig; sie scheinen die Tatsache Frauenstimmrecht sozusagen gottgegeben hinzunehmen», meinte ein Beobachter damals gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Die erste Innerrhoder Landsgemeinde mit Frauenbeteiligung sprach sich nach einmaligem Mehr deutlich gegen eine Abschaffung der Landsgemeinde aus. Erstmals nahm auch eine Frau die Gelegenheit wahr, sich zu diesem Thema zu äussern; sie erntete damit viel Applaus.

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Erst die zweite Frau in der Regierung

Die Frauen markierten ihre Präsenz nicht nur durch ihre Teilnahme, es wurden bereits Kandidatinnen erkoren: Louise Dörig, Vorkämpferin für das Frauenstimmrecht, kandidierte für einen Sitz im Kantonsgericht. Schliesslich wählte die Landsgemeinde aber den bisherigen Bezirksgerichtspräsidenten Werner Ebneter.

Ein Jahr später wurde die vom Frauenforum portierte Käthi Kamber als erste Frau ins 13-köpfige oberste Gericht des Kantons gewählt. Inzwischen gehören vier Richterinnen dem Innerrhoder Kantonsgericht an. Im Grossen Rat sind 14 der 50 Sitze von Frauen besetzt.

Bisher zwei Frauen in der Standeskommission

In der Standeskommission sind Frauen auch 25 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts immer noch untervertreten. Die amtierende Frau Statthalter Antonia Fässler ist erst die zweite Frau in der siebenköpfigen Regierung. 1996 war Ruth Metzler als erste Frau in die Innerrhoden Standeskommission gewählt worden. Sie war Säckelmeister (Finanzdirektorin), bevor sie 1999 in den Bundesrat gewählt wurde.

Das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde 1971 in einer Volksabstimmung beschlossen. Die Schweiz war eines der letzten europäischen Länder, das den Frauen die vollen Bürgerrechte zugestand. Die meisten Kantone folgten 1971 und 1972 dem Beispiel des Bundes.

Ost- und Innerschweiz dagegen

Einige Kantone hatten das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene schon früher eingeführt: Waadt und Neuenburg waren 1959 die ersten, 1960 folgte Genf, 1966 Basel-Stadt, 1968 Baselland, 1969 das Tessin.

Am konservativsten zeigten sich die Ostschweiz und die Innerschweiz: In der eidgenössischen Volksabstimmung vom Februar 1971 stimmte in St. Gallen, beiden Appenzell, Thurgau, Glarus, Schwyz, Obwalden und Uri die (männliche) Bevölkerung noch mehrheitlich gegen das Frauenstimmrecht.

(sda/me)