Der frühere SP-Nationalrat Rudolf Strahm fordert Kantone und Gemeinden energisch auf, Arbeitsprogramme für die Asylpersonen auszuarbeiten, da ansonsten eine soziale Zeitbombe ticke. Ist die Forderung angekommen?
Hans-Jürg Käser*: Dahinter steckt die Idee, dass Integration in der Schweiz über den Arbeitsmarkt läuft – ein Standpunkt, den ich als Bürger und Politiker voll und ganz teile. Wir müssen alles daran setzen, dass alle Asylpersonen, die länger in der Schweiz bleiben – also sowohl anerkannte Flüchtlinge wie auch die Mehrzahl der vorläufig Aufgenommenen – schnell eine Arbeit finden. Für jene hingegen, die noch im Asylverfahren stecken, sieht es etwas anders aus.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Wie anders?
Im Kanton Bern sind diese Asylbewerber auf 46 Durchgangszentren in den Gemeinden verteilt. Ob sie dort einfach nur untergebracht sind oder zusätzlich beschäftigt werden, ist je nach Durchgangszentrum anders. Es gibt Gemeinden, die schnell Arbeitsprogramme auf die Beine stellen. Die Asylbewerber verrichten dann einfache Tätigkeiten, säubern etwa Strassen und Quartiere, putzen den Wald, arbeiten auf Werkhöfen mit. Sie sind so automatisch auch in eine gewisse Tagesstruktur eingebunden. Dann gibt es Gemeinden, die sich mit solchen Arbeitsprogrammen ziemlich schwertun.

Warum?
Die Arbeits- und Beschäftigungsprogramme dürfen bekanntlich nicht die private Wirtschaft konkurrieren. Zudem wird die Aufgabe mit wachsender Grösse der Durchgangszentren schwieriger. Für ein paar Asylbewerber lässt sich eher etwas organisieren. Aber wenn es 100 und noch mehr sind, wird es komplizierter. Es ist also in der Praxis nicht einfach, alle Asylbewerber zu beschäftigen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Integration nur über Arbeit gelingt und Asylsuchende, wenn sie in der Schweiz bleiben dürfen, mittelfristig nur so auf einen grünen Zweig kommen.

Wo sehen Sie Ansätze oder Möglichkeiten, die Forderung Strahms schnell und unbürokratisch umzusetzen?
Derzeit kommen aus Syrien viele Flüchtlinge, die eine berufliche Qualifikation mitbringen. Wir sprechen von Facharbeitern bis zu Ärzten. Viele erhalten dann den Status von vorläufig Aufgenommenen, wobei wir davon ausgehen müssen, dass sie länger bleiben werden. Wenn in solchen Fällen die Leute schnellstmöglich in den Arbeitsprozess integriert würden, hätten wir schon viel gewonnen. Auf dem Arbeitsmarkt kommt der Status des vorläufig Aufgenommenen allerdings schlecht an. Er ist mit Unsicherheit behaftet und schreckt potenzielle Arbeitgeber deshalb davon ab, solche Leute überhaupt einzustellen.

Die Integrationspauschale des Bundes, die derzeit 6000 Franken pro Flüchtling beträgt, wird in vielen Kantonen und Gemeinden primär für Deutschkurse eingesetzt. Ist das der richtige Ansatz?
Tatsächlich beginnen die meisten Kantone bei der Integration mit Deutschkursen, was aber den Asylpersonen noch keine Stelle garantiert. Es gibt tatsächlich bessere Ansätze. Im Kanton Solothurn laufen Projekte, bei denen die Asylpersonen direkt in den Arbeitsprozess eingesetzt werden und die Sprache «by doing» lernen.

Rudolf Strahm spricht von 25'000 Franken, die jeder nicht beschäftigte Flüchtling den Staat pro Jahr kostet. Ist diese Zahl richtig oder falsch?
Man muss differenzieren: Ein in einem Durchgangszentrum wohnender Asylbewerber, der im Antragsverfahren steht, ist wesentlich günstiger. Ein anerkannter Flüchtling hingegen, der keine Arbeit findet und bei der Sozialhilfe landet, kostet mehr als 25'000 Franken. Mit bloss 2000 Franken pro Monat kann heute kaum mehr jemand in der Schweiz leben.

* Hans-Jürg Käser (66) vertritt die FDP im Berner Regierungsrat und ist seit 2012 als Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) oberster Asylverantwortlicher der Kantone.