Binnen kürzester Zeit haben sich die Islamisten im Irak ihren Weg in Richtung Bagdad gebahnt. Auch wenn der rasante Vormarsch der schwarz gekleideten Kämpfer inzwischen ins Stocken geraten ist, scheint die Einheit des von der tiefen Spaltung zwischen den islamischen Strömungen der Schiiten und Sunniten zerrütteten Landes endgültig auf dem Spiel zu stehen.

Und mehr noch: Die mit neuer Härte ausgebrochene Rivalität zwischen den Schiiten um Regierungs-Chef Nuri al-Maliki und der einst unter Ex-Machthaber Saddam Hussein dominierenden Minderheit der Sunniten könnte Experten zufolge das politische Gleichgewicht in der gesamten Region verändern. Maliki werde den Machtzerfall nicht stoppen können, sagt Fawaz Gerges von der London School of Economics. «Hier werden auf jeden Fall neue Grenzen gezogen.»

Sunniten begrüssen Vorstoss der Islamisten

Rund elf Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins klagen die Sunniten über die Vorherrschaft der Schiiten unter Maliki. Die Extremisten der Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil) haben bei ihnen deshalb ein leichtes Spiel, wie Nahost-Kenner Gerges erklärt. «Die Sunniten sind zum Pakt mit dem Teufel bereit, um Maliki zu besiegen. Darin liegt die Gefahr.» Schließlich rekrutiere Isil mühelos ehemalige Saddam-Soldaten für eine eigene, durchaus professionelle «Mini-Armee», die über eine deutlich höhere Motivation verfüge als das mit Milliarden von Dollar aus Washington ausgebildete staatliche Militär.

Doch die Blitz-Offensive alarmiert die Politik weit über die Grenzen des Irak hinaus und rückt Allianzen in den Bereich des Möglichen, die bisher kaum denkbar erschienen. So signalisierte die schiitische Regionalmacht im benachbarten Iran am Samstag, angesichts der Bedrohung durch die Extremisten zur Zusammenarbeit mit dem Erzfeind USA bereit zu sein. Nicht zuletzt in Washington fürchtet die Regierung ihrerseits, dass das Comeback der Islamisten im Irak den Weg ebnen könnte für ein gefährliches Machtzentrum von Gotteskriegern mitten im Nahen Osten - eine Art Afghanistan nicht weit vom Mittelmeer entfernt.

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Angst vor der schiitischen Grossmacht Iran

Saudi-Arabien und seine sunnitischen Verbündeten wiederum fürchten, dass der Iran einen Bogen schiitischer Macht vom Irak über Syrien bis hin zum Libanon schlagen will. Im Irak würden sie deshalb den Schiiten Maliki gern loswerden, auch wenn Isil wegen ihrer Verbindung zur Terrorgruppe Al-Kaida auch am Golf kritisch gesehen wird. «In der saudischen Regierung dürfte die Meinung vorherrschen, dass eine gute Tat von den falschen Leute erledigt wird», sagt Dschamal Chaschoggi, Chef eines Fernsehsenders im Besitz der saudischen Herrscherfamilie.

Auch wenn die Islamisten scheinbar problemlos eine Millionenstadt wie Mossul einnehmen konnten, halten Analysten einen Triumph der schätzungsweise einige Tausend Mann starken Gruppe auch in Bagdad für unwahrscheinlich. «Dafür haben sie nicht genug Leute, sie haben sich schon jetzt übernommen», sagt Toby Dodge, Chef des Nahost-Forschungsinstituts der London School of Economics. Schließlich werde die Hauptstadt von Malikis Spezialtruppen kontrolliert - unterstützt von im Iran ausgebildeten schiitischen Milizen.

Der Nordirak scheint bereits verloren

Bei der Mobilisierung dieser besonderen Kampftruppen spiele der irakische Regierungschef allerdings mit dem Feuer, warnt Dodges Kollege Gerges. «Das ist der Weg in die Katastrophe». Er könnte in einen von Isil gewollten Krieg sämtlicher Bevölkerungsgruppen münden. Umgekehrt dürfte es Maliki aber auch mit den Schiiten-Milizen nicht gelingen, die Isil-Kämpfer wieder aus Mossul zu vertreiben oder die Kontrolle über den gesamten Landesnorden zu gewinnen. Schließlich haben dort gerade die Kurden das Machtvakuum genutzt, um die seit langem von ihnen beanspruchte Ölstadt Kirkuk unter ihre Kontrolle zu bringen.

«Die Wunden im Irak sind nie geheilt», resümiert Gerges. Das geschundene Land sei an einem Scheideweg angelangt und drohe in drei oder vier Staaten zu zerfallen. Für eine Aussöhnung brauche es schließlich eine neue Führung und eine neue Geisteshaltung - und beides gebe es im Irak nicht.

(reuters/gku)