In Tunesien sind am Sonntag die zweiten Parlamentswahlen seit dem Sturz des Herrschers Zine el-Abidine Ben Ali ohne die befürchteten Störungen durch radikale Islamisten zu Ende gegangen. Den Wahlbehörden zufolge wurden erste Teilergebnisse bis Montagmorgen erwartet. Die Beteiligung habe schätzungsweise bei 60 Prozent gelegen.

Als Favorit gilt die gemässigt islamische Ennahda-Partei, die bei der ersten demokratischen Wahl 2011 die meisten Stimmen erhalten hatte. Ihr grösster Rivale ist die weltliche Allianz Nidaa Tounes.

Tiefgreifender Wandel

Tunesien leitete mit dem Sturz Ben Alis den Arabischen Frühling ein. Seitdem hat das Land einen tiefgreifenden Wandel vollzogen, während andere Staaten der Region wie Syrien oder Libyen in Chaos und Bürgerkrieg versinken.

«Es ist unsere Pflicht als Tunesier, dieses Feuer am Brennen zu halten, um der arabischen Welt den Weg zu leuchten», erklärte Ennahda-Chef Rached Ghannouchi bei der Stimmabgabe in Tunis. «Islam und Demokratie widersprechen sich nicht, sondern gehen Hand in Hand.»

Nach Behördenangaben hatten Militante damit gedroht, die Wahl zu stören. Grössere Vorfälle wurden zunächst nicht bekannt.

Lob aus dem Weissen Haus

US-Präsident Barack Obama lobte die Abstimmung in Tunesien als Vorbild für die Region. Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einem Meilenstein auf dem Weg zu einer Demokratie in dem nordafrikanischen Land. «Tunesien hat mit den Parlamentswahlen am Sonntag zudem ein wichtiges Signal gesetzt: Ein Übergang von Autokratie zu Demokratie ist im Nahen Osten möglich.»

Experten gingen davon aus, dass nach der Wahl wochenlange Koalitionsgespräche anstehen. Vermutlich würden sich am Ende die beiden grössten Parteien zu einer Regierung der nationalen Einheit zusammenschliessen, sagte Riccardo Fabiani von der Eurasia Group. Im kommenden Monat findet die erste Runde der Präsidentenwahl statt, die zweite dann im Dezember.

(reuters/ise)

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