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Abstimmung
Ja oder Nein? Wie Schottland wählt

Befürworter von Ja und Nein: Das Votum wird mutmasslich knapp ausfallen.   Keystone

Schottland stimmt ab, noch bis heute spät in die Nacht. Die Stimmung am Wahltag zeigt, wie das Ergebnis sich in Zukunft auswirken könnte.

Veröffentlicht am 18.09.2014

«Yes» oder «No» zur Unabhängigkeit - das ist für viele Schotten eine der wichtigsten Entscheidung, die sie je getroffen haben. Der Streit um die Zukunft hat sie aufgerüttelt, aber auch gespalten.

Der Morgennebel hängt noch schwer über Edinburgh, da strömen die Menschen in Schottlands Hauptstadt schon in die Wahllokale. Geschäftsleute und Rentner, junge Paare und ganze Familien sagen «Yes» oder «No» auf die Frage, ob Schottland ein unabhängiger Staat werden soll. Es wäre das Ende einer mehr als 300 Jahre alten Union mit England. Wie ernst sie diese Entscheidung nehmen, ist den Schotten in die angespannten Gesichter geschrieben.

«Das ist die grösste Entscheidung für Generationen»

«Es ist absolut historisch. Das ist die grösste Entscheidung für Generationen«, sagt der Mann im Anzug. Auf der Aktentasche leuchtet ein blau-weisser «Yes»-Aufkleber. «Das ist vielleicht der wichtigste Moment im Leben», sagt eine Mutter, schaut ihre beiden Söhne im Teenager-Alter streng an und klebt ihnen lila «No»-Sticker auf die Jacken. «Ich hoffe, ihr habt richtig gewählt?».

Erstmals in der britischen Geschichte sind Jugendliche ab 16 Jahren stimmberechtigt. Regierungschef Alex Salmond erhoffte sich davon Stimmen für den Neuanfang. Grossbritanniens bekanntester Meinungsforscher Peter Kellner von YouGov glaubte vergangene Woche zwar nicht, dass die Jugendlichen einen massgeblichen Unterschied machen würden. Aber dass sie sich in die Debatte einmischten und für ihre Meinung auf die Strasse gingen, begeistert Politiker wie Politologen - von Politikverdrossenheit keine Spur.

Nicht nur die junge Generation, das ganze Land hat in den vergangenen Monaten eine wohl beispiellose Politisierung erfahren. Das beweisen die Zahlen: 97 Prozent der 4,4 Millionen Wahlberechtigten liessen sich registrieren. Dass auf der Strasse und im Pub jeder die Pro- und Kontra-Argumente herunterbeten und seinen Standpunkt dazu erklären kann, unterscheidet sich angenehm vom ratlosen Schulterzucken vor Parlamentswahlen. 2011, als die Nationalpartei die absolute Mehrheit in Schottland gewann und das Referendum auf den Weg brachte, hatte die Wahlbeteiligung bei nur 50,4 Prozent gelegen.

Angst vor einer längerfristigen Spaltung

Jetzt wissen die Menschen, dass buchstäblich jede Stimme zählt – die Umfrageergebnisse liessen bis in die Nacht vor der Abstimmung keine Vorhersage zu. Doch die Aufteilung in zwei gleich grosse Lager macht vielen auch Sorgen: «Das Referendum gibt nicht nur Macht, es spaltet auch. Diese Spaltung könnte sogar das länger vorhaltende Vermächtnis sein», schreibt Martin Kettle im «Guardian».

Alex Salmond hat deshalb schon oft die Einheit des Landes beschworen: Ab Freitag gebe es nur noch «Team Scotland». Die Kirche rief Unionisten und die Unabhängigkeitsbewegung auf, gemeinsam Harmonie zu schaffen nach dem Votum. Auch Versöhnungsgottesdienste sind geplant.
Aufstehen und das Beste draus machen

John McCafferty findet es ganz in Ordnung, dass in Schottland so leidenschaftlich über die Zukunft gestritten wird: «Das ist sehr gesund.» Der Mittvierziger trägt einen «Yes»-Aufkleber auf der Brust, könnte sich aber auch mit einer Niederlage abfinden. «Es wäre doch nicht gut, wenn alle hier die gleiche Meinung hätten.»

«Das Beste draus machen, egal, was kommt»

Nicht alle sehen das so entspannt: «Das wird unseren Sinn für Demokratie auf die Probe stellen», sagt der 64-jährige John Knox, der vor einem Wahllokal im Süden Edinburghs «No»-Sticker austeilt. «Eine Seite wird schwer schlucken müssen.»

Neben ihm steht Jeanette Campbell, in der Hand hat sie einen Stapel «Yes«-Aufkleber. «Die Seite, die verliert, weiss, dass es ganz knapp war», sagt die 45-Jährige und wechselt einen besorgten Blick mit Knox aus dem gegnerischen Lager. «Wir müssen eben aufstehen morgen und das Beste draus machen, egal, was rauskommt.»

(sda/me)

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