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Konjunktur
Japan sucht Balance zwischen Wachstum und Handelskonflikten

Japanische Autos warten auf Export
Automobilsektor: Japanische Autos warten auf ihren ExportQuelle: Keystone Images

Das Gewinnwachstum japanischer Unternehmen zeigt, dass das Land vom konjunkturellen Rückenwind profitiert. Doch nun eskaliert der Handelsstreit.

Von Stefanie Mollin-Elliott
am 19.08.2018

Das kräftige Gewinnwachstum japanischer Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren zeigt, dass das Land nach wie vor von besseren makroökonomischen Bedingungen profitiert. Die Aussichten sind zwar weiterhin positiv, doch eine mögliche Eskalation des Handelskriegs droht, den Export und damit das Wirtschaftswachstum Japans zu bremsen.

Jüngste Daten deuten auf eine Konjunkturerholung hin

Die Ergebnisse der Tankan-Umfrage der japanischen Zentralbank (BoJ) vom Juni 2018 lassen auf verbesserte makroökonomische Bedingungen Japans schliessen. Aus den Daten der vierteljährlichen Umfrage wird ein Index erstellt, der von minus 100 bis plus 100 reicht. Dazu wird die Zahl der Unternehmen, die schlechte Geschäftsbedingungen melden, von der Zahl derjenigen subtrahiert, die gute Bedingungen melden. Für die Umfrage werden über 10‘000 Unternehmen befragt, und die Rücklaufquote liegt bei mehr als 99 Prozent, was die Umfragedaten sehr verlässlich macht.

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Die jüngsten Umfrageergebnisse deuten auf einen Anstieg des Index für den Dienstleistungssektor, auf ein Wachstum der Investitionsausgaben und auf steigende Erzeugerpreise hin. Insgesamt signalisieren die Daten somit eine Erholung der japanischen Wirtschaft.Bemerkenswert ist vor allem die Erhöhung des vierteljährlichen Index der BoJ für den Dienstleistungssektor um einen Punkt auf einen Stand von 24. Dies ist das beste Ergebnis seit dem letzten Quartal 2015.

Ein weiterer Lichtblick für die japanische Wirtschaft ist die Prognose von Grossunternehmen, dass ihre Investitionen im Geschäftsjahr mit Ende 31. März 2019 um 13,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen werden. In der vorangegangenen Tankan-Umfrage hatten japanische Unternehmen nur eine Erhöhung der Investitionen um 2,3 Prozent signalisiert. Das aktuelle Ergebnis ist gleichzeitig auch das beste Juni-Ergebnis seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1983.

Handelsstreit

Alles was Sie über das Kräftemessen zwischen USA und China wissen müssen: in unserer Chronik.

Das deutliche Plus bei den geplanten Investitionen ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen wieder mehr Vertrauen in Automatisierung und in produktivitätssteigernde Technologien haben. Für zusätzlichen Auftrieb könnte auch der anhaltende Arbeitskräftemangel in Japan gesorgt haben. Der Tankan-Index für die Erzeugerpreise kletterte von vier auf fünf, ein neues Hoch seit Amtsantritt von Ministerpräsident Abe im Jahr 2012. Dies legt den Schluss nahe, dass die Unternehmen eher bereit sind, die Verkaufspreise heraufzusetzen, und das könnte der Inflation einen Aufwärtsschub in Richtung des Inflationsziels der BoJ von 2 Prozent verschaffen.

Ein kräftiges Wachstum der Unternehmensgewinne deutet auch auf eine Aufhellung der konjunkturellen Lage in Japan hin. Für das Gesamtjahr (bis 31. März 2018) lag das Gesamtwachstum der Gewinne bei 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahl übertrifft die Vorgaben der Geschäftsleitungen der einzelnen Unternehmen vom Beginn des Geschäftsjahres um mehr als 15 Prozent. Vergleicht man das Gewinnwachstum in Japan und den USA seit 2012, dann sieht man, wie stark dieses Wachstum ausgefallen ist: In Japan erzielten die im Topix vertretenen Unternehmen eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 21 Prozent, die im S&P 500 vertretenen US-Unternehmen erreichten dagegen nur 5 Prozent.

Auswirkung einer Eskalation des Handelskriegs auf Japan

Das grösste Risiko für eine positive makroökonomische Einschätzung der japanischen Wirtschaft ist eine Eskalation des Handelskriegs. Diese stellt auch ein erhebliches Risiko für den japanischen Aktienmarkt dar, denn dieser hängt stärker von ausländischen Märkten ab, als man anhand der BIP-Statistiken annehmen könnte. Exporte machen 17 Prozent des japanischen BIP aus. Dieser Anteil ist höher als in den USA (12 Prozent), aber niedriger als in Europa (28 Prozent) oder China (19 Prozent). Allerdings entfallen fast 50 Prozent der Gesamtumsätze auf die Auslandsumsätze japanischer börsennotierter Unternehmen.

Am stärksten gefährdet ist der Automobilsektor. Diese Einschätzung unterstützt eine Anlagestrategie, bei der eine weitgehende Untergewichtung von Autobauern verfolgt wird. Sollten die USA Zölle auf chinesische Importgüter im Wert von USD 200 Mrd. und Autozölle von 25 Prozent auf alle Fahrzeuge verhängen, dann könnte sich das japanische BIP um 0,5 Prozent bis 0,8 Prozent verringern. Damit würde dann das für 2018 erwartete BIP-Wachstum von 1 Prozent bis 1,5 Prozent halbiert. In diesem Szenario dürfte sich der japanische Yen (JPY), der als sicherer Hafen gilt, von derzeit 110 JPY/USD auf 105 JPY/USD verteuern. Entsprechend würden die Unternehmensgewinne um fast 10 Prozent sinken, wobei fast 70 Prozent dieses Rückgangs auf den Automobilsektor entfallen würden. Selbst wenn der Strafzoll von 25 Prozent auf Autoimporte aus Kanada und Mexiko beschränkt würde, würde dies die Gewinne japanischer Autobauer immer noch um 17 Prozent schmälern. Das Gewinnwachstum der im Topix vertretenen Unternehmen würde dann um 2,8 Prozent niedriger ausfallen. An den Ergebnissen der Tankan-Umfrage konnte man ablesen, dass die Ungewissheit rund um einen möglichen Handelskrieg die Wirtschaft beeinträchtigen könnte: Der Juni 2018 war der erste Monat seit 2012, in dem sich die Stimmung grosser Fertigungsunternehmen gegenüber dem Vorquartal verschlechterte. Der Tankan-Index der BoJ für grosse Fertigungsunternehmen sank im zweiten Quartal dieses Jahres um drei Punkte auf 21. Dies liegt unter dem Prognosen-Mittelwert von 22. Die Bedingungen in der Juni-Umfrage schienen zwar stabil, aber die Autobauer meldeten einen deutlichen Stimmungseinbruch vom 22. März bis zum 15. Juni. Dies dürfte mit den Sorgen über die Auswirkungen des von den USA angeführten Handelsprotektionismus gegenüber japanischen Autobauern zusammenhängen.

Engagement in binnenwirtschaftlich orientierten japanischen Unternehmen

In den nächsten zwölf Monaten könnten Anleger kleinere, binnenwirtschaftlich orientierte japanische Unternehmen bevorzugen, denn die besseren makroökonomischen Bedingungen in Japan signalisieren eine überdurchschnittliche Entwicklung dieser Unternehmen. Das Hauptrisiko für die Verbesserung des makroökonomischen Umfelds in Japan ist eine Eskalation des Handelskriegs, und auch dies spricht für ein Engagement in solchen Unternehmen.

Stefanie Mollin-Elliott ist Fundamental-Analystin für Aktien bei Unigestion.