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Grossbritannien
Jeremy Corbyn: Der Favorit für den Labour-Thron

Jeremy Corbyn: Der Brite spaltet die Labour-Partei. Keystone

Auf der Insel herrscht eine kleine «Corbyn-Mania», ausgelöst vom linken Politiker Jeremy Corbyn. Buchmacher handeln ihn als Nachfolger von Ed Miliband. Für Tony Blair wäre das ein Albtraum.

Veröffentlicht am 14.08.2015

Die britischen Sozialdemokraten suchen einen neuen Vorsitzenden. Nach der verlorenen Wahl wollten sie eine breite Debatte – nun könnten einen Chef bekommen, der mit der griechischen Syriza verglichen wird. Neuanfang, sagen manche. Blanker Wahnsinn, sagen die anderen.

Turbulente Zeiten kommen auf die britische Labour-Partei zu, wenn man Umfragen und Buchmachern glaubt. Denn die wollen schon wissen, wer am 12. September den Parteivorsitz übernimmt. Jeremy Corbyn soll es werden, ein stramm Linker mit einer Vorliebe für Tabubrüche, ein Mann, in dem viele den Sargnagel der Partei und einen rückwärtsgewandten Spinner sehen. Aber auch einer, der sein Publikum mitreisst und eine kleine «Corbyn-Mania» ausgelöst hat.

Corbyn würzt den Wahlkampf

Ab Freitag wählen die britischen Sozialdemokraten den Nachfolger des zurückgetretenen Wahlverlierers Ed Miliband. Schon der Wahlkampf rüttelt die Partei ordentlich durch: Es tobt ein Richtungsstreit um die Labour-Seele. Vier Kandidaten stehen zur Wahl, und wäre Corbyn nicht, ginge es dröge zu.

Liz Kendall will den regierenden Konservativen von Premierminister David Cameron möglichst viele Wähler abspenstig machen und vertritt die unter Tony Blair erdachte, wirtschaftsliberale New-Labour-Philosophie. Andy Burnham und Yvette Cooper stehen für gemässigte Labour-Ideen, die von aussen gesehen keine Aufreger sind. Und dann ist da Corbyn, ein schmaler Bartträger mit dem Kleidungsstil eines Sozialkundelehrers. «Der Mann, der das Rennen um die Führung in Brand gesetzt hat», so beschreibt der «Independent» den 66-Jährigen.

Der Tabubrecher

Mit leiser, freundlicher Stimme bricht er Tabus: weg mit britischen Atomwaffen, raus aus der Nato. Bescheidenes internationales Auftreten statt «neo-kolonialer Kriege», die sich als Schutzinitiative für Menschenrechte tarnen. Mehr Sozialstaat und, jawohl, Verstaatlichungen, etwa der Energieversorger. In britischen, vor allem in englischen Ohren, ist das Zündstoff, geradezu unverschämt.

Ein Rückblick: New Labour hat die Partei in den 90ern neu belebt und wählbar gemacht über das klassische Arbeitermilieu hinaus. Von 1997 bis 2010 waren die Sozialdemokraten an der Macht. Tony Blair ist heute unbeliebt im Land, aber das hat vor allem mit dem Irakkrieg zu tun.

Blair: Labour droht die «Vernichtung»

Unter seinem Nachfolger Gordon Brown rückte die Partei nur ein kleines Stück nach links – und verlor die nächste Wahl. Seit 2010 regieren wieder die Konservativen, seit Mai dieses Jahres mit absoluter Mehrheit. Spitzenkandidat Ed Miliband, der sich selbst eher links verortete und von den Gewerkschaften zum Parteichef gemacht worden war, ist gescheitert.

Kein Wunder, dass viele Labour-Köpfe in Corbyn den drohenden Untergang sehen, allen voran Tony Blair. Der Partei drohe die «Vernichtung», nie zuvor habe sie in so «tödlicher Gefahr» geschwebt. Corbyns Politik bringe die Klassenkämpfe der Thatcher-Ära zurück, doch fehle heute im Vergleich zu den 80er Jahren die stabilisierende Kraft der Gewerkschaften, die grösstenteils in der Hand der «harten Linken» seien.

Livingstone: Corbyn ist eine Chance

Londons ehemaliger Bürgermeister und Labour-Rebell Ken Livingstone dagegen sieht in Corbyn die grösste Chance seiner Partei, bei der Wahl 2020 etwas zu reissen. Miliband sei zu zurückhaltend gewesen, nicht zu links. Gegen wen ein künftiger Labour-Chef ins Rennen gehen würde, ist offen; Premier Cameron hat eine dritte Amtszeit ausgeschlossen.

Fest steht, dass Corbyn trotz seiner sanften Art mitreisst, vor allem junge Wähler und die vielen, die im Portemonnaie nichts merken vom angeblichen wirtschaftlichen Aufschwung ihres Landes. Kommentatoren vergleichen ihn mit linken Spargegnern wie Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien. Tausende sollen es sein, die sich bis Mittwoch registrieren liessen, um für Corbyn zu stimmen.

Auch zahlende Unterstützer wählen

Das Wahlsystem steht heftig in der Kritik, da nicht nur Mitglieder und Gewerkschafter online oder per Post abstimmen können, sondern erstmals auch sogenannte Unterstützer. Eine Stimme kostet drei Pfund (4,60 Franken). Vor allem Corbyns Gegner fürchten, dass Gegner der Labour-Partei sich in die Wahl einschleichen, um den linken und vermeintlich unwählbaren Kandidaten an die Spitze zu hieven.

Wie stehen Corbyns Chancen? Kurz vor der am Freitag beginnenden Wahl sah ihn eine YouGov-Umfrage im Auftrag der konservativen «Times» bei 53 Prozent – und 32 Prozentpunkte vor dem nächsten Verfolger, Andy Burnham. Sollte Corbyn gewinnen, fürchten viele seiner Gegner eine Spaltung der Partei. Eine einflussreiche, linke Alternative zu den Sozialdemokraten, wie die Linke in Deutschland, gibt es in Grossbritannien bisher nicht.

(sda/ise)

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